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Im Januar 2009 reiste ich mit dem Zug von Emmerich über Duisburg nach Harburg, um dort Richtung Lüneburg umzusteigen. Doch an diesem Sonntag sollte kein Zug mehr Richtung Lüneburg reisen, weil sich ein Mensch irgendwo zwischen Harburg und Lüneburg vor einen Zug geworfen hatte. Nach einer halben Stunde Hin und Her bestieg ich mit einigen anderen Reisenden ein Großraumtaxi.
Wir alle waren sauer. Auf die “Informations”-Politik der Leute von der Bahn. Und vielleicht auch ein bisschen auf den Menschen, der sich an diesem Abend das Leben nahm. Ich habe nicht einmal in Erfahrung gebracht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Aber heute denke ich auch an ihn oder an sie.
Ansonsten gibt es von mir diese Leseempfehlungen:
Ausgerechnet Schnellinger! In diesem Fall sind Ort, Zeit, Anlass und Autor einer Phrase bekannt. Der Italien-Legionär trifft bei der WM 1970 ausgerechnet gegen Italien - und Ernst Huberty reagiert darauf mit dem A-Wort, das seitdem in keiner misslungenen Fußball-Reportage fehlen darf. Ja, sogar meine Wenigkeit hat ab und zu schon etwas ausgerechnet.
Huberty ist längst pensioniert, Schnellinger lebt immer noch in Italien. Und die nächste WM findet in Südafrika statt. Deutschland hat sich für dieses Turnier schon qualifiziert. Nun werden nur noch die 23 Spieler gesucht, die dann den Kader bilden. Und wie wird Bundestrainer Joachim Löw das garantiert nicht tun? Indem er in Dortmund, München, Hamburg und Pirmasens Zelte aufbauen lässt, ca. 6800 junge Kicker einlädt und diese dann einer dreiköpfigen Jury (Löw himself, irgendein Blondchen mit wenig an sowie ein mäßig lustiger Sprüchemacher wie Barth, Hartmann oder Westerwelle) ihre Künste präsentieren, bis dann nur noch 23 übrig sind. Deutschland sucht NICHT den Superstar und auch NICHT das nexte Top-Model. Fußball ist kein Casting.
Und doch ist es das Modewort. “Löw Casting” ergibt derzeit bei Google satte 33,6 Millionn Treffer (wieso können Zahlen eigentlich nur satt sein und nie hungrig?). Das Casting gegen Finnland ging daneben, weil offenbar alle Kandidaten durchgefallen sind. “Du hast dich nicht weiterentwickelt und gibst einfach nicht alles. Deshalb gibt es heute kein Bild für dich”, hatte Heidi Löw bestimmt in der Kabine zu Cacau & Co. gesagt. Frisch gecastet werden daher jetzt Hunt und Müller. Gegen die Elfenbeinküste soll gar ein Casting-Kader auflaufen - singen und tanzen die elf Leute dann gar? Die Herren Wiese und Neuer bekommen gar eine neue Chance im Torwart-WM-Casting, einer speziellen Untergruppe des Auswahlverfahrens. Statt dass sich Fußball-Deutschland darüber freut, dass es vier ganz passable Keeper gibt, und sich wichtigeren Baustellen (noch ein Modewort!) widmet, wird gestritten wie nix: Ist Enke wieder richtig fit? Adler nicht zu jung? Neuer nicht zu neu? Wiese nicht zu eitel? Wie wär’s doch noch einmal mit Lehmann?
Das Wort vom Casting hat Löw übrigens selbst ins Spiel gebracht, 2006 kurz vor der EM, als er in einem Trainingslager auf Mallorca so lange Spieler aussortierte, bis nur noch 23 übrig waren. Und danach hieß es: “Warum schickt Löw ausgerechnet seinen Liebling Marin nach Hause?” Ausrechenbar war er halt noch nie, der Bohlen des DFB.
Bayern-Krisen hatten einmal etwas Monumentales an sich, erinnerten an den Zerfall des Römischen Reichs oder doch mindestens an den Niedergang der Osmanen. DIE Krise von 1975 etwa, zu deren Höhepunkt Trainer Udo Lattek den Vereinschef sprach: „Herr Neudecker, wir müssen etwas ändern.“ Neudeckers Antwort: „Sie haben recht. Sie sind gefeuert.“ Oder DIE Chaossaion 1990/91 mit Jupp Heynckes (1:4 gegen Stuttgarter Kickers, Sören Lerby (2:6 gegen B 1903 Kopenhagen) und Erich Ribbeck (0:3 gegen die B-Elf von Portugal - ach nee, das war später). DAS waren noch Krisen.
Heute erinnert Bayern doch eher an die SPD. Alle paar Wochen neue Pleiten, alle paar Monate Austausch des Führungspersonals. “Wann fliegt denn van Gaal”, fragen mich Applaus heischend Bekannte, die wissen, dass ich nicht eben Edelfan der Lederhosen bin. Mir egal. Hauptsache, nicht vor dem 12. Dezember.
Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Fans und Publikum ist hierzulande immer noch am besten in der Arro Allianz Arena zu bewundern. Da herrscht richtig Stimmung - wenn denn die Bayern das 6:1 gegen Bielefeld erzielt haben, Schweini den dreifachen Rittberger sicher landet und selbst auf den Lippen von Klose ein Lächeln zu erkennen ist. Wenn nicht, dann kann es ganz schön kalt werden. Wie diese heute von der dpa verbreitete Passage erahnen lässt.
Wie ernst die Lage ist, bewies Mark van Bommel: Der Kapitän warb am Montag sogar öffentlich um die Unterstützung der 66 000 Zuschauer. “Das Publikum kann uns auch helfen.”
Müsste man die Fans in DortmundSchalkeBremenHamburgWasweißich wirklich daran erinnern, dass sie ihrer Mannschaft auch helfen können?
Damit der VfL Bochum es bundesweit in die Nachrichten schafft, muss schon etwas Besonderes passieren. Ein Sieg gegen die Bayern reicht in der Regel nicht, denn dann wird erst einmal die Bayern-Krise seziert bis zum letzten Rülpser von Rummenigges Chaffeur. Auf- und Abstieg sind mittlerweile an der Tagesordnung. Bleibt nur ein ordentlicher Trainerwechsel. “Herrliche Zeiten für VfL Bochum” las ich heute selbst auf Seite 1 meiner Heimatzeitung in Lüneburg. Tolles Wortspiel…
Ist der VfL plötzlich etwas Gegenstand echter Nachrichten? Ich hab’s mal nachgeprüft, alle Clubnamen zusammen mit dem Wort Fußball bei Google News durchgejagt und nach Anzahl der Nennungen sortiert. Das Ergebnis ist doch sehr überraschend:
7880: Bayern München
5503: Hamburger SV
4722: VfB Stuttgart
3368: Schalke 04
3363: Werder Bremen
3072: 1. FC Köln
2797: Eintracht Frankfurt
2779: Hertha BSC
2738: Bayer Leverkusen
2682: Borussia Dortmund
2598: VfL Wolfsburg
2112: 1. FC Nürnberg
2066: VfL Bochum
1954: Hannover 96
1844: Borussia Mönchengladbach
1753: SC Freiburg
1633: Mainz 05
1577: Hoffenheim 1899
Eigentlich hätte ich gedacht, dass die Bayern mindestens auf 20.000 Meldungen kommen. (Werden sie wahrscheinlich wieder nach der nächsten Niederlage.) Und dazu enttäuscht es mich doch schwer, dass Vereine wie Leverkusen oder Wolfsburg nur durch ihre pure Existenz offenbar wichtiger sind als Bochum mit einem neuen Trainer.
Ärgerlicherweise sorgt sogar die Suche “VfL Bochum Matthäus” für 22 Treffer. Die Suche “VfL Bochum Matthäus nicht” immerhin für 19. Uff, gerade noch einmal davongekommen.
Ich bin kein ausgesprochener Jazz-Fan und kann knapp Miles Davis von Louis Armstrong unterscheiden. Aber einen der klassischen Jazzer höre ich dennoch seit vielen Jahren ausgesprochen gern: Lennie Tristano.
Nach einer zufälligen Visite bei Wikipedia ahne ich auch, warum das so ist. Zitat:
Tristano ist absolut gegen jeden Kommerz, er wettert gegen Veranstalter und Cafébesitzer, die die Künstler ausbeuten und sie dazu zwingen, sich entweder musikalisch anzupassen oder zu „verhungern“ („….either conform, comercially, or starve..“). Seiner Meinung nach darf keine Kunstform durch die Forderungen der Gesellschaft an ihrer freien Entfaltung gehindert werden.
Wie ihm wohl das aktuelle Fußball-Geschäft gefallen würde…