Safftis Spottplatz


26. October 2009

Ab Kilometer 41 ist nichts mehr peinlich

Category: Allgemein – Saffti –

Warum hatte ich in den vergangenen drei Monaten so wenig Zeit für die Sezierung des deutschen Fußballs und überhaupt? Heute kann ich es ja verraten…

Lübeck Marathon

Wer ist bloß dieser Angeber? Dieser völlig bekloppte Kerl im durchgeschwitzten blauen Dress und dem farblich dazu überhaupt nicht passenden lila-grau-grünen Kopftuch mit Blumenmuster, der die Zuschauern vorm Lübecker Rathaus zu La-Ola-Wellen versucht anzustiften, statt seine letzten Meter halbwegs in Würde abzuspulen? Jetzt biegt er ab auf den Rathausmarkt, feiert seinen 180. Platz beim Lübeck-Marathon wie die Mondlandung. Ungefähr 42195 kleine Schritte für einen Mann, aber ein großer Schritt für die Menschheit. Ach, der Angeber bin ja ich.

Ein guter Marathon beruht eben auf einem gigantischen Selbstbetrug. Viele Wochen lang laufe ich bei Bullenhitze oder strömendem Regen durch die Pampa, um ein gutes Gefühl zu bekommen. Positiv denken! Nicht die objektive Verfassung zählt, sondern das subjektive Empfinden. Und meine Umgebung hilft kräftig mit: Wenige Tage vor dem Start werde ich geradezu bombardiert mit Mails und Anrufen. Alle wünschen “Viel Glück”, begleitet natürlich von dem Satz, dass ich ja eh top in Form sei. So ähnlich rede ich mit meine Jungs morgens, bevor eine Mathe-Arbeit oder ein Englisch-Test ansteht - in der Hoffnung, dass irgendwie noch eine Vier minus herausspringen könnte.

Der Selbstbetrug fängt ja schon damit an, dass man sich einredet: Marathon macht Spaß! Es ist schon ein irrsinnig tolles Gefühl, sonntags nicht etwa im warmen Bett zu bleiben, sondern den Wecker auf 7.30 Uhr zu stellen und vor Nervosität schon um 6.45 Uhr aufzustehen. Es ist so wunderbar, dass der Himmel grau ist und das Thermometer 13 Grad anzeigt. Genau mein Wetter! Hätte ich zwar auch bei 3 Grad und Schneeregen behauptet, allerdings nicht bei 28 Grad und Sonnenschein, wie ich es im vergangenen Jahr auf Mallorca erlebt und knapp überlebt habe.

Was kann jetzt noch schief gehen, frage ich mich ein paar Minuten vor dem Start. Ziemlich viel - doch die Gehirnwäsche der vergangenen Tage wirkt. Ich kriege keinen Hungerast! Meine Schnürsenkel halten diesmal wirklich! Das Funktionsfaser-Unterhemd von Aldi ist genau richtig für dieses Wetter! Ich bin fit! Und ich kann schon die Uhr lesen, also vielleicht meine Zeit vernünftig einteilen.

Es wirkt. Bis zum Wendepunkt in Travemünde halte ich mich brav zurück, würge alle 10 Kilometer ein Powergel herunter und bilde mir allmählich sogar ein, dass diese Pampe schmeckt. Keinen Wasserstand lasse ich aus. Die Anwohner bevölkern eher in spärlicher Zahl die Strecke. Wer aber am Rand steht, der macht auch kräftig Radau. Eine Stimmung fast wie in Hamburg, wenn man zwei bis drei Nullen von der dortigen Zuschauerzahl abzieht.

Im Herrentunnel steht natürlich bis auf ein paar Streckenposten keine Nase. Knapp acht Kilometer vor dem Ziel geht’s hier noch einmal steil bergab und wieder hoch. Uff. Wenn ich da erst einmal durch bin, habe ich es so gut wie geschafft, hatte ich mir schon seit Wochen eingeredet. Nur nicht gehen oder gar stehen bleiben. Ich komme durch - und merke danach erst richtig, dass ein Marathon mit positivem Denken allein nicht zu schaffen ist. Marzipan im Kopf, Blei in den Beinen. Und noch eine lange, lange Gerade bis zum Ziel. Kommt, ihr Muskeln, ihr kriegt doch jetzt keinen Krampf. Komm’, lieber Magen, behalte alles in dir. Die drei Powergels ebenso wie die Bananenstücke, die Salztabletten und die gefühlten 20 Liter Wasser, Apfelsaft und Tee, die ich in den vergangenen dreieinhalb Stunden in mich hinein gekippt habe. Der Selbstbetrug funktioniert. Immer noch.

Die ersten Läufer stehen am Rand mit Krämpfen. Auch der junge Mann, der mich anfangs noch leichtfüßig überholte und davon redete, dass drei Wochen Vorbereitung doch genug seien, oder? Nicht mit jedem habe ich also Mitleid. Das Burgtor naht. Zuschauermassen - jedenfalls für Lübecker Verhältnisse - stehen am Rand und spenden Mitleidsbeifall. Ich feuere sie an, brülle ein paar Party willige Mädels an: “Los, macht mal Krach!” Sie machen begeistert Krach und erhalten als Dank einen hochgestreckten Daumen. Einem Marathoni ab Kilometer 41 ist nichts mehr peinlich. Dann reiße ich auf der Breiten Straße die Arme hoch, als hätte ich gerade den VfL Bochum zum Triumph in der Champions League geballert. Gänsehaut - ich könnte noch ewig weiterlaufen. Bin aber froh, dass ich den Beweis heute nicht mehr antreten muss. Die 500 Meter bis zur Umkleide werden hart genug.

PS für die Experten: Ja, ich bin mit der Zeit von 3:48:49 hoch zufrieden. Nein, ich werde trotzdem auch nächstes Jahr nicht in Hamburg laufen. Und ja, ich komme heute die Treppen (knapp) hoch und wieder runter. Gibt halt nichts Schöneres als die Schmerzen am Tag danach…

1 Comment »

  1. Ich bin beeindruckt. Gratulation!

    Und das in dem hohen Alter. Da ich noch nie mehr als einen halben gelaufen bin, weiß ich nicht, was das eigentlich bedeutet.

    Jetzt wollen wir mal hoffen, dass der VfL Bochum ungefähr Deine Ausdauer besitzt. Im langen Rattenrennen, um dauerhaft die Klasse zu halten.

    Comment by Trainer Baade — 7. November 2009 @

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