Safftis Spottplatz


6. November 2009

Ausgerechnet Casting

Category: Fußball – Saffti –

Ausgerechnet Schnellinger! In diesem Fall sind Ort, Zeit, Anlass und Autor einer Phrase bekannt. Der Italien-Legionär trifft bei der WM 1970 ausgerechnet gegen Italien - und Ernst Huberty reagiert darauf mit dem A-Wort, das seitdem in keiner misslungenen Fußball-Reportage fehlen darf. Ja, sogar meine Wenigkeit hat ab und zu schon etwas ausgerechnet.

Huberty ist längst pensioniert, Schnellinger lebt immer noch in Italien. Und die nächste WM findet in Südafrika statt. Deutschland hat sich für dieses Turnier schon qualifiziert. Nun werden nur noch die 23  Spieler gesucht, die dann den Kader bilden. Und wie wird Bundestrainer Joachim Löw das garantiert nicht tun? Indem er in Dortmund, München, Hamburg und Pirmasens Zelte aufbauen lässt, ca. 6800 junge Kicker einlädt und diese dann einer dreiköpfigen Jury (Löw himself, irgendein Blondchen mit wenig an sowie ein mäßig lustiger Sprüchemacher wie Barth, Hartmann oder Westerwelle) ihre Künste präsentieren, bis dann nur noch 23 übrig sind. Deutschland sucht NICHT den Superstar und auch NICHT das nexte Top-Model. Fußball ist kein Casting.

Und doch ist es das Modewort.  “Löw Casting” ergibt derzeit bei Google satte 33,6 Millionn Treffer (wieso können Zahlen eigentlich nur satt sein und nie hungrig?). Das Casting gegen Finnland ging daneben, weil offenbar alle Kandidaten durchgefallen sind. “Du hast dich nicht weiterentwickelt und gibst einfach nicht alles. Deshalb gibt es heute kein Bild für dich”, hatte Heidi Löw bestimmt in der Kabine zu Cacau & Co. gesagt. Frisch gecastet werden daher jetzt Hunt und Müller. Gegen die Elfenbeinküste soll gar ein Casting-Kader auflaufen - singen und tanzen die elf Leute dann gar? Die Herren Wiese und Neuer bekommen gar eine neue Chance im Torwart-WM-Casting, einer speziellen Untergruppe des Auswahlverfahrens.  Statt dass sich Fußball-Deutschland darüber freut, dass es vier ganz passable Keeper gibt, und sich wichtigeren Baustellen (noch ein Modewort!) widmet, wird gestritten wie nix: Ist Enke wieder richtig fit? Adler nicht zu jung? Neuer nicht zu neu? Wiese nicht zu eitel? Wie wär’s doch noch einmal mit Lehmann?

Das Wort vom Casting hat Löw übrigens selbst ins Spiel gebracht, 2006 kurz vor der EM, als er in einem Trainingslager auf Mallorca so lange Spieler aussortierte, bis nur noch 23 übrig waren. Und danach hieß es: “Warum schickt Löw ausgerechnet seinen Liebling Marin nach Hause?” Ausrechenbar war er halt noch nie, der Bohlen des DFB.

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