28. Oktober 2020

Die Mischung macht’s

Was hätte Aristotels wohl zum Laufen gesagt? Was Nietzsche oder Camus? Was denken Menschen überhaupt über das Laufen, wenn sie mit mehr beschäftigen als mit Zeiten, Platzierungen oder Fitnessgrad? Wenn es also um nichts weniger geht als um die Sinnfrage, die wir uns doch alle schon einmal gestellt haben, wenn es regnet und stürmt und wir uns trotzdem auf unsere Runde begeben? „Die Philosophie des Laufens“ heißt das Ergebnis, das der Mairisch-Verlag jetzt veröffentlicht hat. So stilvoll das Äußere des Buchs wirkt, so spannend fällt der Inhalt aus – gerade weil die 14 Autorinnen und Autoren so unterschiedliche Antworten finden?

philosophieDie Mischung macht’s. Von der Freizeitjoggerin, die stolz von ihrem ersten Zehner berichtet, bis zum Hochleistungssportler, vom Skeptiker bis zum Enthusiasten, vom Theoretiker bis zum Praktiker – alles ist dabei. Einige Texte wurde aus der amerikanischen Ausgabe übernommen, die Mehrheit aber stammt von deutschen Autoren. Unterschiedliche Blickwinkel ergeben sich so allein durch die Herkunft. Sport an der Highschool und am College ist halt ganz anders organisiert als in Vereinen und hat einen ganz anderen Stellenwert.

Ich muss zugeben, dass mir einige Beträge zu verkopft ausgefallen sind. „Langstreckenlauf und der Wille zur Macht“ – ja, hier grüßt Nietzsche – hat mich nicht recht überzeugen können. Oder „Laufen als ästhetische Erfahrung“ – der Autor hat mich sicher noch nie bei Kilometer 39 eines Marathons gesehen… Dass dieses Buch mit einer Provokation endet, nämlich mit „Der Marathon als Königsdisziplin der modernen Selbstoptimierung. Wie wir uns verlaufen“, ist ganz sicher kein Zufall. Maximilian Probst rechnet mit den wettkampf- oder fitness-geilen Performern der Moderne höchst lesenswert ab. Klar, dass er auf heftigen Widerstand in der Zielgruppe dieses Buchs treffen wird. Doch wo er bisweilen recht hat, das hat er recht.

Eine Perle liefert Gregory Bassham ab, der jenseits von Trainingsplänen oder Ausrüstung sieben Voraussetzungen für Erfolg beim Laufen nennt, die ich alle sieben dick unterstreichen will. Zum Beispiel: „Wir brauchen eine emotionale Verbindung zu dem, was wir tun.“ Oder: „Wir müssen offen dafür sein, unsere eigene Entwicklung zu genießen.“

Mein absoluter Favorit heißt aber Raymond J. Vanarraggon. Er singt das Lied „Zum Wohle des Joggers“, obwohl (oder weil) er zur Hochzeit von einem Kollegen aus seinem Leichtathletikteam aufgefordert wurde: „Ich will, dass du ein Läufer bleibst. Ich will nicht, dass du ein Jogger wirst.“ Vanarraggon philosophiert aber darüber, dass sowohl Läufer, die den Wettkampf mit anderen suchen, ebenso irgendwann an die Grenzen stoßen, wie solche, die vor allem mit sich selbst ringen. Bleibt also das Glück des Joggers.

Wer dieses Buch mit seinen vielen meinungsstarken Beiträgen liest, wird vielleicht nicht einfach weiterlaufen, sondern sich ein paar Gedanken machen, warum er sich diesen und keinen anderen Sport ausgesucht hat. Wer aber denkt, dass auf so eine bekloppte Idee nur Läufer kommen können: Im gleichen Verlag sind schon die Philosophie des Kletterns und des Radfahrens erschienen. 😉

Link zum Buch auf Amazon: Die Philosophie des Laufens

Fotos: www.mairisch.de

4 Gedanken zu “Die Mischung macht’s

  1. Auch das klingt interessant. Ich werde den Teufel tun, während meiner länger fortwährenden Laufzwangspause so ein Buch zu lesen. Aber dann, danach könnte es in mein Regal wandern. Im übrigen hat sich meine Philosophie zum Laufen über die Jahre stark geändert.

  2. Danke für den nicht alltäglichen Buchtip. Wenn ich überlege, was mir beim Laufen schon alles durch den Kopf gegangen ist, dann ist es eigentlich ein Wunder, dass nicht noch viel mehr philosophische Werke dazu angeboten werden. By the way: …einen philosophisch ausgerichteten Laufblog habe ich auch noch nicht gefunden, obwohl ich zuletzt etliche gesichtet habe 😉 wenn Du da auch einen Tip hast…

    Es grüßt der FlowRunner

    1. Sehr philosophisch finde ich ja Ultraistgut (ultraistgut.wordpress.com), aber den Blog wirst du bestimmt kennen. Wenn nicht, dann hast du bisher etwas versäumt!

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