Definiere familiäre Atmosphäre. Ich könnte viele Worte verlieren oder einfach nur einen Start beim Junkernhoflauf des Thomasburger SV empfehlen. Ich liebe diese Volksläufe, die vom Verband etwas sperrig „stadionferne Veranstaltungen“ genannt werden. Aber Thomasburg liebe ich ganz besonders.
Es geht ja schon mit der Begrüßung los. Von den drei Parkplatzeinweisern kenne ich schätzungsweise fünf. Auf dem Weg zur Startnummernausgabe sehe ich Dutzende bekannte Gesichter: Läuferinnen und Läufer, Fußballer, Lokalpolitiker im Wahlkampfmodus. „Ach, du läufst heute auch mit?“, fragt mich nicht nur einer. Ja – erstmals seit 2019, wie ich später beinhart recherchiere.
In diesen sieben Jahren hat sich bei mir einiges verändert, vor allem die Einstellung zum Laufen, in Thomasburg aber praktisch nichts. Wie eh und je starten auf der Straße vor dem Sportplatz alle zusammen, Läufer und Walker über sämtliche Strecken. Und mittendrin ich, der auch noch einen Plausch links und rechts hält und den Startschuss fast überhört hätte.
Das wäre meinem alten Ich garantiert nicht passiert. Da war Thomasburg oft genug die Generalprobe für irgendeinen Marathon, diesmal ist es einfach nur ein Vergnügen. Und ein bisschen doch ein Test, ob meine morschen Knochen noch die 16,5-km-Runde schaffen.
Über den fiesen Berg müssen jetzt alle
Die lange Runde habe ich bewusst gewählt, weil ich auf der kürzeren mal einen kleinen, fiesen Berg bewältigen musste, der mir gar nicht gut gefiel. Pech gehabt: In Thomasburg hat sich doch etwas geändert – und zwar die Streckenführung. Also darf ich erst den fiesen Berg genießen und danach den Ausflug Richtung Breetzer Berge. Langweilig wird es also nicht.

Direkt hinter mir schnauft einer der Lokalpolitiker im Wahlkampfmodus schon etwas lauter. Die Roten und die Grünen sind in Thomasburg gut vertreten. Da sich eine gewisse Partei, zumindest bei den mir bekannten Laufevents, noch nie blicken ließ, kann mein freier Laufclub weiter die blauen Trikots mit der schönen Flamme verwenden.
Was, um Himmels willen, ist Muller?
Kurz nach dem fiesen Berg dürfen die Leutchen von der 9,2-km-Runde schon Richtung Ziel rennen, während das 16,5-km-Feld abbiegt. Plötzlich bin ich fast allein. Und bleibe es einige Kilometer lang. Jeder Feuerwehrmann und jeder Streckenposten wird von mir euphorisch begrüßt. Ohne die Wegweiser wäre ich hier im tiefen Wald hoffnungslos verloren.
Definiere Muller. Von dieser besonders tückischen Sandsorte hatte ich in meiner etwas südlicher gelegenen Heimatregion noch nie etwas gehört. Im Norden gehört der Muller neben tückischem Gegenwind, Starkregen, Hitze oder Kälte zu den Erzfeinden der Läuferfamilie. Vor dem Mullersand in Thomasburg bin ich genauso intensiv gewarnt worden wie vor den fiesen Bergen. Und es soll am Vortag noch sehr staubig gewesen sein – dank der Niederschläge in der Nacht sind aber allenfalls Mullerspuren zu erkennen. Gibt es auch ein norddeutsches Wort für ehemaligen Mullersand?
Die Beine mögen die letzten Meter nicht
Auf den letzten vier Kilometern überschlagen sich geradezu die Ereignisse. Ein Youngster vom Internat Marienau hat sich offenbar so heißgelaufen, dass er oben ohne an mir vorbeizieht. Dafür kann ich mir einen anderen Mitläufer noch schnappen, womit ich meinen Gesamtplatz (ich werde grandioser 32. von 55 Männern) letztlich doch behaupte. Die letzten paar Hundert Meter vor dem Sportplatz ziehen sich wie schon immer. Diese kleinen Anstiege am Ende – die gehen richtig in die Beine, die offensichtlich überzeugt sind, dass sie eigentlich schon genug an diesem Vormittag geleistet haben.
Dann aber: Zieleinlauf, Medaille, Pfirsichtee, kurzer Erfahrungsaustausch mit anderen Finishern – und letztlich der lang ersehnte Gang zum Kuchenbuffet, wo eine Thomasburger Fußballerin für zwei Stück Kuchen und einen Kaffee zusammen schlappe drei Euro verlangt. Einige Schnacks später schaue ich mich um. Huch, hier sind ja alle schon fleißig am Abbauen. Wo ist nur die Zeit hin? Und all die anderen Leute?
Egal, nach dem Lauf ist vor dem Lauf. Und wenn ich mir nicht gerade alle Haxen gebrochen habe oder komplett eingegangen bin, schaue ich in der Regel voll euphorisiert nach der nächsten Wettkampfmöglichkeit. Mein nächster Volkslauf wird übrigens mein 100. sein. Das soll natürlich ein ganz besonderer werden. Wenn es nicht noch ein Jahr hin wäre – Thomasburg 2027 wäre ein wunderbarer Kandidat.