Der Sklave meiner Uhr

Mein Uhren-Oldtimer ist mir ans Herz gewachsen, auch wenn er Herzschläge längst nicht mehr ermitteln kann.

Heute gibt’s mal einen ganz tiefen Griff in mein Archiv. Im Herbst 2008 habe ich mir eine Pulsuhr zugelegt – sie war schon damals ein Auslaufmodell, aber ich konnte mich bis zum heutigen Tag nicht von dieser Polar F11 trennen. Den Brustgurt habe ich längst entsorgt, ein paar Kratzer verzieren das Display. Die Uhr misst keinen Puls mehr, sie kann keine Satelliten finden und keine Durchschnittsgeschwindigkeit errechnen. Aber sie hat eine Geschichte. Und zwar diese hier:

Mein Uhren-Oldtimer ist mir ans Herz gewachsen, auch wenn er Herzschläge längst nicht mehr ermitteln kann.

Mein Uhren-Oldtimer ist mir ans Herz gewachsen, auch wenn er Herzschläge längst nicht mehr ermitteln kann.

Rennen Sie einfach so durch den Wald, ohne Wissen über ihren optimalen Herzfrequenzbereich? Halten Sie die OwnZone für eine englische Bezeichnung der Wochenend-Datscha von Erich Honecker? Hat Ihre Pulsuhr weniger als zwei Dutzend Knöpfe und hundert Funktionen? Sie tragen gar keine Pulsuhr? Sie Glücklicher – dann sind Sie noch nicht Sklave ihres Geräts, dann schaffen Sie noch drei Schritte ohne nervösen Blick aufs Handgelenk. Ich nicht mehr…

Alles fing so harmlos an. Mein altes Steinzeitmodell zeigte brav den Herzschlag und die Laufzeit an – und sonst nichts. Ein bisschen neidisch blickte ich schon auf die Besitzer all der Multifunktions-Chronometer. Präzisionsinstrumente, die bestimmt auch Kaffee kochen oder mit Börsentipps aufwarten können. Aber eines Tages war meine Uhr einfach weg. Ich sah’s als Zeichen und bemühte mich um Ersatz.

“Eine Stoppuhr, mit der man auch den Puls messen kann”, begehrte ich im Laden. Meine letzten Worte vor dem dreiviertelstündigen Vortrag des Verkäufers über das Wundergerät. Faszinierend fand ich das immer wieder lässig eingeworfene Wort “Herzfrequenz-Variabilität”. Erklärung für Doofe wie mich: Tut man nix, schlägt das Herz, wie es halt lustig ist, mal nach 0,92 Sekunden, mal nach 0,99 – doch bei einer ganz bestimmten Belastung wird der Puls immer gleichmäßiger, die Herzfrequenz-Variabilität immer geringer. Und da hat man die OwnZone erreicht. Kapiert?

Egal, ich auch nicht. Ich sah die Ermittlung meiner ganz persönlichen OwnZone aber trotzdem als Ticket zum Läufer-Paradies an und hatte nach ein paar Minuten Aufwärmen die Werte: 115 bis 150. Ach. Puls 115 erreiche ich beim gemütlichen Trimmtrab, 150 beim Versuch, Usain Bolt in Sichtweite der Ziellinie zu überholen. Da kann was nicht stimmen.

Noch ein genauer Blick in die Gebrauchsanweisung. Ach so. Ich kann sogar einstellen, ob ich leicht, mittel oder hart trainieren will (eigentlich will ich immer leicht trainieren). Jetzt endlich weiß ich fast immer auf den Pulsschlag genau, welches Tempo ich mir gerade zumuten kann – ansonsten beginnt das Gerät nervös an zu piepsen. Fehlt eigentlich nur noch, dass es unvermittelt einen Stachel herausfährt, um einen Laktat-Test auszuführen.

Fast schon habe ich mir gedacht: Was soll der ganze Quark? Doch dann leuchtete am Ende des Trainings eine magische vierstellige Zahl auf, die Zahl der Kilokalorien, die ich gerade japsend verbraucht habe. Klasse. Was brauche ich sonst noch an Motivation? Eigentlich nur noch die Umrechnung der Kalorienzahl in Schokoriegel.

1 Kommentar

  1. Din

    So unterschiedlich können die Anforderungen an eine Uhr sein. Ich bin etwa 10Jahre mit einer Uralt-Polar herumgelaufen. Bis sich meine Sicht etwas verschoben hat und ich den Einstieg in die Welt der Super-Computer für das Handgelenk wagte. Mittlerweile sind mir zwei Anzeigen extrem wichtig: gelaufene Strecke und aktueller Puls.

    Dir auch weiterhin viel Spaß mit dem neuen Spielzeug.

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