Macht doch, was ihr wollt

Immer wieder mittwochs treffe ich mich mit ein paar anderen Leutchen zur lockeren Runde durch den Lüneburger Tiergarten. Eigentlich. Doch neuerdings mehren sich die Absagen, denn viele trainieren für einen Marathon. „Wir müssen heute Intervalle laufen“, heißt es da in unserer WhatsApp-Gruppe. Oder: „Im Trainingsplan steht heute Ruhetag.“ Oder: „Möchte einer Tempowechsel (4:30 und 5:00) laufen?“ Ich möchte – und kann – das nicht. Ich will mittwochs einfach nur in Ruhe laufen. An allen sechs anderen Wochentagen an sich auch. Warum sind die anderen denn plötzlich so ehrgeizig?

Nun, vor gar nicht so vielen Jahren war ich ja auch so. Da lief ich im Vorfeld des Marathons einen Dreißiger, absolvierte ein Intervalltraining und versuchte mich in der Kunst des Tempodauerlaufs. 15 Kilomter in gleichbleibend hohem Tempo durchziehen, das war durchaus fordernd. Jetzt zieht zum Beispiel Jens, den ich gar nicht so sehr als Ehrgeizling kenne, ein ähnliches Programm durch. „Was willst du eigentlich für eine Fabelzeit laufen?“, fragte ich ihn neulich. „Ich will einfach nur gut durchkommen“, entgegnete er.

Das will ich ja auch demnächst in Mainz. Mir reicht es aber, wenn ich vor dem Marathon meine vier oder fünf langen Läufe geschafft habe. Ansonsten laufe ich halt nach Lust und Laune, mal schneller, meist langsamer – wie es sich halt ergibt.

Die einen mögen es strukturiert, die anderen nicht so sehr. Und noch andere denken, dass sie praktisch ohne Vorbereitung mal eben 42,195 Kilometer rennen können. Ich bin immer irgendwo mittendrin. Nicht der Schnellste, nicht der Langsamste. Nicht der Ehrgeizigste, nicht der Faulste. Sicher nicht optimal vorbereitet auf den nächsten Marathon. Aber hallo? Bin ich Profi?

Voreilig urteilen sollte ich sowieso nie über Leute, die unsere schöne Mittwochsrunde einfach sausen lassen, weil sie lieber auf die Bahn gehen wollen. Und auch über andere nicht. Ein paar Jahre ist es erst her, dass ich beim Rotterdam-Marathon einen Mann sah, der dieses Cityrennen mit langem, weißen Kopftuch, Wasser-Rucksack und zig Energieriegeln im Gürtel bestritt. Die Erklärung lieferte mir der Mann im Zielraum. Dieser Marathon war für ihn nur die Generalprobe für einen Ultralauf in der Wüste, in der es halt nicht alle 2,5 Kilometer einen Verpflegungsstand gibt.

Und auch über Anfänger – oder ein paar Fortgeschrittene -, die sich auch bei den aktuellen frühlingshaften Temperaturen nur mit dicker Jacke, Mütze und langer Laufhose in den Wald trauen, will ich nie wieder lästern, seitdem ich wieder über das Foto gestolpert bin, das mich bei meinem allerersten Besuch des Lauftreffs in Hohnstorf zeigt. Es war Januar, aber gut 10 Grad warm. Und ich bin der Kerl mit dem dicken Hoodie und der schwarzen Wollmütze…

Lauftreff TuS Hohnstorf Foto: t & w

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