6. Juni 2020

Nichts ist selbstverständlich

Mein Festausflug hat mich zur Wassermühle nach Neumühlen geführt. Weil meine Allerliebste leider fußlahm zu Hause bleiben muss, laufe ich ganz allein eine idyllische Runde über Neumühlen und Boltersen zurück nach Rullstorf geführt. Das also ist Ostern 2020. Ein Fest, wie wir es alle wohl noch nie erlebt haben und hoffentlich auch nie wieder erleben dürfen. Allein oder in der Kernfamilie, was immer das heißt. Und das alles wegen Corona.

Dieses Virus hat uns allen brutal vorgeführt, dass nichts selbstverständlich ist. Nicht das Leben, nicht die Gesundheit, um mit dem Grundsätzlichsten anzufangen. Nicht die Arbeit – vor exakt einem Monat, am 12. März, hatte ich meinen PC in der Redaktion zum letzten Mal ausgeschaltet, nicht ahnend (oder doch ein bisschen…), dass ich sehr bald ins Home Office wechsle. Und auch die sozialen Kontakte sind nicht selbstverständlich.

In zwei Lauftreffs bin ich ansonsten gern unterwegs. Von den vielen tollen Leuten habe ich zuletzt eine Mitläuferin am 14. März beim Raiffeisenmarkt in Scharnebeck gesehen. Keine Umarmung wie üblich, nur ein Corona-Gruß, Ellenbogen gegen Ellenbogen. Am 15. trafen sich noch die Düvelsbrooker, am 17. die Scharnebecker – ich hatte mich da schon ausgeklinkt. Und dass mein Marathon, auf den ich mich seit Januar vorbereitet hatte, spät, aber nicht zu spät abgesagt wurde, nahm ich nur noch mit einem Schulterzucken hin.

Seitdem laufe ich allein meine Runden, habe in vier Wochen immerhin schon viele mir zuvor unbekannte Wege rund um meine neue Heimat entdeckt und laufe neuerdings auf Strava-Segmenten mit mir selbst um die Wette. Was man alles macht, damit es nicht zu langweilig wird. Seit ein, zwei Wochen kommen mir mehr und mehr andere Läuferinnen und Läufer auf meinen sonst sehr einsamen Runden entgegen, vor allem viele jüngere. Wäre ja wunderbar, wenn einige von ihnen auch nach Corona, wann immer das sein wird, bei der Stange bleiben und den Altersdurchschnitt bei Volksläufen etwas drücken würden.

Ja, auch Volksläufe sind ja nicht mehr selbstverständlich. Der Deichlauf in Hohnstorf und die Lüneburger Heide-Staffel, beide für den Juni geplant, sind noch nicht gestrichen oder verlegt. Aber können wir zurzeit ernsthaft auf die Austragung der Läufe vertrauen? Können wir glauben, dass im September mehrere zehntausend Frauen und Männer zum Marathon in Hamburg oder Berlin zusammenkommen? Ich stelle mich erst einmal lieber auf Läufe solo oder hoffentlich irgendwann bald wieder in kleinen Gruppen ein.

Die Wettkämpfe vermisse ich als Erlebnis und als Gelegenheit, zig Leute zu treffen, die ähnlich bekloppt sind wie ich. Die Zeithatz vermisse ich überhaupt nicht. In unserer Scharnebecker Runde hat der Trainer einen Halbmarathon vermessen, den jetzt einige schon mit wirklich starken Zeiten absolviert haben. Ich kann mich dazu leider überhaupt nicht aufraffen. Lieber noch eine ruhige Runde rund um Rullstorf mit ein, zwei schnellen Kilometern mittendrin.

Nichts ist selbstverständlich. Aus dem Bereich des großen Sports fällt mir da einiges ein:

– Dass alle vier Jahre Olympische Sommerspiele stattfinden, ist nicht selbstverständlich. Was für einen Sportfan wie mich mal das Größte war, ist mir mittlerweile nach dem 430. Doping- oder Bestechungsfall ohnehin höchst suspekt geworden.

– Dass diverse Kicker zweistellige Millionenbeträge pro Jahr verdienen und jeder halbwegs talentierte 19-jährige Außenverteidiger ähnliche Summen als Ablöse kostet. Fußball hat sich längst zu einer mordsmäßig großen Blase entwickelt – Corona beschleunigt das Platzen vielleicht nur.

– Dass praktisch jedes Wochenende durchgetaktet ist. Wintersport von Oktober bis März, Formel 1 von März bis Oktober, Fußball praktisch immer – und wenn sonst gar nichts stattfindet, ist immer noch Zeit für eine Dart-WM.

Nein, es ist definitiv noch nicht angesagt, sich über die Zeit nach Corona Gedanken zu machen. Ist es eine Zeitenwende, oder geht alles nach einem kurzen Schütteln wieder seinen gewohnten Gang? Wenn unser Leben, unser Sport, unser Laufen aber ein klitzekleines bisschen entschleunigt werden würde – ich wäre der Letzte, der das bedauern würde.

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