15. Juli 2020

Zukunftsmusik

„Wo sehen Sie sich in x Jahren?“ Angeblich eine beliebte Frage in Bewerbungsgesprächen und beim Psychologen. Der gemeine Läufer denkt in der Regel nicht in solchen Kategorien, sondern plant allenfalls bis zum nächsten Volkslauf oder Marathon. Mir geht es derzeit vielleicht ein bisschen anders. Denn im April stehen – in dieser Reihenfolge – ein Citymarathon in Rotterdam, der Hermannslauf und ein runder Geburtstag auf meinem Programm.

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Die famose Frau Schmitt brachte mich gleich zweimal ins Grübeln: zum einen mit ihrer Agenda 2033, zum anderen mit ihrem Hinweis auf Ed Whitlock, dem jungen Herrn, dem ich das Beitragsbild gewidmet habe. Ein Kanadier, der mit 81 Jahren den Marathon in 3:15 Stunden lief und immer noch der einzige Mann auf der Welt ist, der diese Distanz nach seinem 70.Geburtstag in weniger als drei Stunden schaffte. Die Zeiten an sich sind schon klasse, doch noch beeindruckender finde ich die durch und durch positive Energie, die dieser Laufheld ausstrahlt. Klar, so will sich jeder von uns in diesem Alter sehen, oder?

Doch die Statistik spricht dagegen. Selbst wenn ich 100 Jahre alt werde, biege ich in einem Monat in meine zweite Lebenshälfte ein. Rafft es mich schon mit 75 dahin, befinde ich mich demnächst im letzten Drittel. Was treibt mich dann beim Laufen noch an? Die Jagd nach persönlichen Rekorden? Noch habe ich jedes Jahr meine Marathon-Bestzeit verbessert (wer bei 4:47 anfängt, hat halt noch viel Luft nach oben), doch diese Zeiten dürften in ein paar Jahren definitiv vorbei sein. Höchstwahrscheinlich werde ich niemals, auch nicht mit 70, den Marathon in unter 3:00 abschließen. Es sei denn, ich verliere Frau, Kinder, Job und mindestens 10 Kilo… Oder ich werde ich in den nächsten zwanzig Jahren brav immer um 1:30 Minuten steigern, dann wäre ich mit 70 bei einer Zeit von 2:57.

Trainingsplan als lose Anregung

Noch treibt mich die Rekordjagd an, gerade in den vergangenen Wochen. Ich habe sechs lange Läufe geschafft, sogar ein paar Intervalle auf der Bahn. Und es hat, meistens jedenfalls, wirklich Spaß gemacht, was sicher auch daran lag, dass wir in diesem Jahr von Schnee und Glatteis weitgehend verschont blieben. Ich habe zwar einen Trainingsplan angefertigt, sah ihn dann aber doch eher als lose Anregung an. Den Halbmarathon-Test habe ich mir diesmal verkniffen, dafür nur zwei ungefähr 21,1 Kilometer lange Volksläufe mitgemacht. Und trotzdem bin ich mir sicher, dass Rotterdam fantastisch wird.

Aber so fantastisch wie der Hermannslauf? Ich bin sehr gespannt, was mir letztlich besser gefällt  – Rotterdam, flach wie ein pannenkoeken, ideal für Bestzeiten, oder doch der Hermannslauf mit 568 Höhenmetern, den ich ohne Blick auf die Uhr genießen will? Wie kann ich überhaupt einen solch bergigen Lauf genießen? Zwei Tage später nulle ich – und werde sicher in einer ruhigen Minute entscheiden, wo ich meine Zukunft sehen will. Tempojäger, Genussläufer – oder beides?

Zumindest steht für mich mittlerweile fest: Träume werden nicht auf die lange Bank geschoben. Wenn ich mir im nächsten Jahr die Haxen breche und mir einen neuen Sport suchen muss oder gar nichts mehr tun kann, will ich nicht jammern: Eigentlich wollte ich doch unbedingt noch mit 60 in Boston starten.

Wo sehe ich mich also in x Jahren? Keine Ahnung – ich bin schon sehr gespannt darauf, wie es mir in exakt einem Monat geht…

Beitragsfoto: Run the Edge

Ein Gedanke zu “Zukunftsmusik

  1. Immer wieder beeindruckend, wie ältere Läufer den Jungen zeigen, wie man es macht- grandios – leider sind diese Menschen (noch) in der Minderzahl. Auch ich habe einen 89-Jährigen kennengelernt, der bei unserem gemeinsamen 24-Stunden-Lauf locker vom Hocker 100 km ohne Probleme elegant gelaufen ist – toll.

    Wie wird es weitergehen ?
    Das weiß keiner
    eines weiß ich aber
    wenn man mit dem Verstand und den Füßen unterwegs ist
    es nicht übertreibt
    sich genügend Zeit zum Regenerieren lässt
    hat man eine gute Chance
    wie z.B. ich
    auf eine 35-jährige Laufzeit voller Freude zurückzublicken
    und ich will noch länger
    nach dem Motto:
    Von der Piste in die Kiste !

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