Die Brötchenholer

haspa

Es geht ja schon mit den Schildern los, die wir am Rücken befestigen müssen. “STAFFEL” steht da in aufdringlichen Großbuchstaben, damit jeder echter Marathoni weiß: Das sind nur die Luschen, die Weicheier, die sich die 42,195 Kilometer aufteilen. “WARMDUSCHER” hatte ich am Vorabend bei unserer Lüneburger Pasta-Party als Alternativ-Brandmarkung vorgeschlagen, “BRÖTCHENHOLER” entgegnete ein Witzbold. Als Staffelläufer beim Hamburg-Marathon starten, das ist mir mal vor gar nicht so langer Zeit vorgekommen wie Bungee Jumping vom Dreimeterbrett oder Elfmeterschießen ohne Torwart. Jetzt habe ich es doch einmal ausprobiert. Und es war, gestattet mir die nicht besonders elaborierte Ausdrucksweise, einfach geil.

Gabi, ich, Diana und Jens - Platz 70 in der Kategorie der gemischten Brötchenholer.

Gabi, ich, Diana und Jens – Platz 70 in der Kategorie der gemischten Brötchenholer.

Vernünftig ist so etwas nicht. Morgens um 6.28 Uhr in den Metronom steigen, um 16,3 Kilometer abzureißen. Irgendwann am späten Nachmittag völlig erschlagen zurückkommen. Die ganze Zeit von diesem Laufabenteuerchen schwärmen, als hätte man gerade die komplette Wüste Gobi rückwärts durchlaufen. Und das nur sieben Tage nach meinem “echten” Marathon in Leipzig.

Aber Laufen kann eben auch ein wunderbarer Teamsport sein. Schon allein die dämliche Planung, wer denn von wem welchen Bekleidungsbeutel mitnehmen soll, schweißt Gaby, Diana, Jens und mich zusammen wie die Besatzung der Apollo 13 (sorry, aber heute scheint mein Tag der aberwitzigen Vergleiche zu sein). Ich bin als Startläufer für Gerwin eingesprungen und finde mich im Block G wie gemütlich wieder. Ohne Brille erkenne ich kaum, wo am Horizont die Startlinie sich befinden könnte.

Doch meine Ohren funktionieren – und nehmen das Geläster der beiden echten Marathonis über die Staffelläufer hinter mir wahr. “Wo starten die denn?” – “Ach, irgendwo auf der anderen Seite, wenn wir alle losgelaufen sind.” – “Na, gottseidank.” Rein zufällig trenne ich mich eine Mikrosekunde später von meinem dicken Oberteil für die Altkleidersammlung und lasse nebenbei meinen Leipzig-Marathon aus der Vorwoche ins Gespräch einfließen. Kein Angeben, natürlich, nur eine passend platzierte Information.

Als die Eliteläufer sich gefühlt schon der 10-Kilometer-Marke nähern, darf auch das G-Volk langsam lostraben. Ich bin wirklich sehr weit hinten gelandet – Gerwin muss bei der Anmeldung wohl die Walking-Bestzeit seiner Oma mütterlicherseits angegeben haben. Und ich überhole, ohne mich sonderlich anzustrengen, Hunderte schon auf dem ersten Kilometer. Zum ersten Mal überhaupt herrscht bei meinem Besuch des Marathons echtes Hamburger Schmuddelwedder. Weniger Musik ist zu hören, weniger Zaungäste sind zu sehen. Aber wer da ist, gibt Stimmungs-Gummi. Sind wahrscheinlich alle noch euphorisiert hier vom ersten HSV-Sieg im 21. Jahrhundert.

Als es aber Richtung Landungsbrücken runtergeht, fliegt uns wieder vor lauter Begeisterung der Zuschauer der Kopf weg. Bei Kilometer 10 merke ich, dass ich meine Uhr gar nicht gestartet, dass ich bis jetzt aber angeblich exakt 13 Kalorien verbraucht habe. Offenbar wird Laufen als Mittel zur Gewichtsreduktion stark überschätzt. Meine Beinchen müssen zum ersten Mal seit einer Woche wieder etwas anderes tun, als in irgendwelchen Leipziger Cafés ausgestreckt zu werden, und protestieren gegen diesen alles andere als lehrbuchgemäßen Regenerationslauf ein wenig.

Ich schau’ mich ein bisschen um, schnack’ mal mit dem, mal mit der, zolle einem blinden Läufer mitsamt Begleiter meinen Respekt. Unzählige Dänen, aber auch Norweger oder Schweden beiderlei Geschlechts fallen mir hier und später kurz vorm Ziel auf, die in der Regel so locker und nur ganz zart rotwangig unterwegs sind, als würden sie nur mal schnell eine Forelle fürs Frühstück im Fjörd nebenan angeln.

Doch ich schweife ab. Am Jungfernstieg ist meine Reise schon zu Ende. Kaum habe ich die Suche nach Jens begonnen, entreißt er mir den Transponder und drückt mir meinen Kleiderbeutel in die Hand. Eine Minute später stehe ich etwas ratlos ein bisschen abseits des Geschehens und betrachte, mehr mit Neid als mit Mitleid, all die echten Marathonis, für die der Spaß oder das Leid erst in ein, zwei Stunden richtig beginnen werden. Fast kommt es mir gemein vor, dass auch ich Brötchenholer etwas von der Begeisterung der Zuschauer für mich abzweige, die die Leute für die große Runde doch viel nötiger haben als ich.

Egal, am Ende lassen wir vier uns feiern wie die neue Königsfamilie von Hamburg. Schlussläuferin Gaby will unbedingt noch eine andere Staffel einkassieren, wir anderen drei lassen unsere Kleiderbeutel fliegen und die Schnarchnasen vor uns stehen, was ein paar Zuschauer feiern wie – ich befürchte, mein Vorrat an Vergleichen ist allmählich aufgebracht. Wir stehen aber noch lange im Regen, preisen unsere Heldentaten und die der echten Marathonis aus unseren Reihen erst recht. Und ganz nebenbei fand ich es ja auch wunderhübsch, was für ein buntes Bild wir von den Düvelsbrook Dynamics abgeben. Ehe werden unsere Streber wohl die Hamburg-Staffel gewinnen, als dass wir uns jemals auf ein einheitliches Outfit einigen können. Gut so!

3 Kommentare

  1. Blumenmond

    Schön beschrieben. Zu einem echten Marathon hats bei mir nie gereicht aber um so mehr hab ich die 2 Staffeln in Frankfurt genossen. Und was für ein Gefühl, am Ende zu Viert dann in die Festhalle einzulaufen.

    Wirklich ne tolle Geschichte, so eine Staffel und nebenbei kann man dann auch die echten Marathonis bewundern.

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  2. Frank alias alsterjogger

    Hallo und Danke für den tollen Beitrag! Herrlich zu lesen! Ich war auch in Hamburg als Staffelläufer an Position 3 (Mini-Brötchenholer = 5,5 km) am Start und hatte ähnlich großen Spaß und ähnliche Team-Erlebnisse. Viele Grüße

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  3. Frau Mohr

    Ich persönlich find’ Staffeln ja überhaupt nicht warmduscherig – immerhin müssen die viel schneller rennen, und DAS finde ich ja viel beachtlicher als einfach bloss 42 km durchzuhoppeln ;)

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