Kanal voll

bevensen

Führende Philosophen der reinen Trainingslehre vertreten die These, dass zwei, drei Wochen nach einem Marathon die Bestzeiten auf den Unterdistanzen nur so purzeln. Sie kennen den Zustand meiner Beine offenbar nicht. Und sie kennen den Halbmarathon in Bad Bevensen nicht, der sich als ganz dickes Brett entpuppt hat. Drei Kilometer kreuz und quer, hoch und runter durch die Wälder, fünfzehn Kilometer am Elbe-Seitenkanal und dann nochmal drei Kilometer durch die Butnik – da wackelte meine Motivation, aber ganz bestimmt nicht mein Hausrekord.

Auf dem ersten Kilometer ist nur mein Trikot rot - später wird der Kopf eine ähnliche Farbe annehmen. Foto: Michael Klingebiel/AZ

Auf dem ersten Kilometer ist nur mein Trikot rot – später wird der Kopf eine ähnliche Farbe annehmen. Foto: Michael Klingebiel/AZ

Rund um das Rosenbad sieht Bad Bevensen exakt so aus, wie man sich einen norddeutschen Kurort vorstellt. Als ich mich warm laufe und eine Runde einmal um den Block wage, fühle ich mich doch ein wenig wie auf Zeitreise in die 1960er-Jahre. Besonders die Pension Zum Heidewanderer wirkte, nun ja, besonders beschaulich. Direkt vor dem Freibad gehen gut 50 Halbmarathonis auf die Reise. Einer von ihnen, Kersten Jäkel, schießt gleich los, als wenn er an diesem Vormittag noch etwas Besseres vorhat, und lässt das Fußvolk stehen wie Messi vor wenigen Tagen die Bayern-Rumpelfüßler. Er wird letztlich mit fast 12 Minuten Vorsprung gewinnen – ich werde ihn nur noch einmal kurz vorm Wendepunkt an mir vorbeifliegen sehen.

Trotz der wirklich undankbaren Startzeit (8.45 Uhr) fühle ich mich aber zumindest auf den ersten Metern frisch und munter. Dann aber die ersten beiden Anfängerfehler: Ich habe vergessen, meine Uhr zu starten. Und ich hätte mal meinen rechten Schuh besser schnüren sollen. “Teilt euch die Strecke gut ein”, ruft mir ein Streckenposten zu. “Natürlich!”, antworte ich knapp – und stelle lieber die Verfolgung von Knut aus Hohnstorf, dem einzigen mir bekannten Gesicht in den vorderen Reihen, ein, weil er in der Regel doch ein paar Minütchen schneller ist als ich. In Hamburg liefen wir neulich ein, zwei Kilometer nebeneinander her – er als Marathoni, ich als Staffelläufer. So viel also zu meinen Chancen, Knut zu halten.

Dann wartet der Kanal. Ungefähr von Wendisch Evern bis Artlenburg kenne ich jeden Kieselstein am ESK, wie die Fachleute den Kanal liebevoll nennen, heute aber geht’s von Bad Bevensen bis ungefähr Bienenbüttel und wieder zurück. Immerhin kann ich jetzt mal kontrollieren, wie schnell ich unterwegs bin, denn am Ufer befindet sich alle 100 Meter ein, ja wie sagt man, 100-Meter-Stein. Um die 4:30 im Schnitt müsste ich schon schaffen. Ich liege irgendwo bei 4:40. Ab und zu bläst mich eine Windbö fast ins Wasser, sonst passiert nichts. Wirklich absolut nichts.

Wenn man fünfzehn Kilometer einfach nur geradeaus laufen soll, dann muss man entweder über einen eisernen Willen verfügen oder über ein paar Mitläufer. Ich habe weder das eine noch das andere, knicke sämtliche Bestzeit-Träume spätestens bei Kilometer sechs. Zum ersten Mal seit dem legendären Schnee-Lauf von Amelinghausen im Hochmittelalter ist mir richtig kalt bei einem Volkslauf, obwohl es gut 10 Grad warm ist und der Wind sich, meistens jedenfalls, zurückhält. Der Lauf zieht sich. Irgendwann überholt mich sogar noch eine Dreiergruppe, die beim Wendepunkt bestimmt noch 100 Meter hinter mir war, und ich habe nicht mehr die Kraft, ihr wenigstens zu folgen. Manchmal ist Laufen richtig scheiße.

Als ich schon jegliche Hoffnung aufgegeben habe, jemals wieder das Kanalufer verlassen zu können, darf ich doch noch nach rechts abbiegen. Dass jetzt noch ein happiger Anstieg kommt, kurz danach ein kleiner Crosslauf durchs Unterholz – geschenkt. Alles ist besser als noch ein einziger weiterer Schritt am ESK. Im Kurpark passiere ich fünf Mädchen und Jungen, offenbar vom Schnupperlauf, die überhaupt keinen Bock mehr zu haben scheinen (oder wie sagt man das heute: “läuft nicht mehr bei mir”?), mehr gehen als traben, mir aber immerhin noch einen schönen Restwettkampf wünschen. Wenigstens bekomme ich auf den letzten Metern die Ehre, von der Sprecherin persönlich begrüßt zu werden. “Und da kommt noch ein Halbmarathoni ins Ziel, Andreas Safft” – Pause – “von den Düvelsbrook Dynamics” – längere Pause “scheint auch so ein Teamname zu sein”. Das ist DER Teamname, Gnädige!

Statt einer Bestzeit laufe ich also die schlechteste Halbmarathonzeit seit vier Jahren (allerdings sicher auf dem schwierigsten Kurs seit vier Jahren). Ich weiß nicht, ob ich in diesem Frühjahr noch einmal irgendwo irgendeine Bestzeit angreifen will. Ich weiß aber ganz bestimmt, wohin mich meine nächsten Trainingsrunden bestimmt nicht hinverlege – vom ESK habe ich den Kanal erst einmal voll.

Die Allgemeine Zeitung in Uelzen hat eine hübsche Fotogalerie zusammengestellt.

5 Kommentare

  1. Jörg

    Berichte über Sch….läufe sind immer am lustigsten, so wie deiner.

    Grüße

    Jörg

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  2. Frau Mohr

    Örks – da krieg’ ich ja alleine vom Lesen den Kanal voll. Watt’n Gerenne!
    Was sagt man denn da…”Herzlichen Glückwunsch zum Quälen” oder so? Happy Suffering?

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  3. Alexander Temmen

    Klingt wirklich nicht nach Vergnügen. Ich hatte ein ähnliches Motivationstief vor ein paar Wochen beim Hamburg-Marathon. Ich habe das Lauftraining seit dem erst einmal sehr weit runtergefahren und mittlerweile fühle ich mich wieder besser. Meine Form und Motivation haben durch die Pause nicht gelitten. Im Gegenteil. Vielleicht brauchst Du das jetzt auch und solltest mal zur Abwechslung was anderes ausprobieren. Bißchen Radfahren, Schwimmen, Klettern? Gute Erhohlung!

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    1. saffti (Beitrag Autor)

      Ach, ich hatte ansonsten in der letzten Zeit viel um die Ohren – da soll man sich noch zusätzlichen Stress durch die Zeitjagd machen. Ich versuche noch einen schnellen Zehner im Mai, und dann wird erst mal regeneriert. Schwimmen will ich in diesem Sommer (falls es denn einen gibt) in jedem Fall wieder etwas mehr.

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  4. Pingback: Achtung, schneller Läufer! | Nicht noch ein Laufblog!

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