Rasen für den Riesling

Nie schmeckt das alkoholfreie Weizen so gut wie nach einem Marathon. „Macht einen Euro“, sagt das Mädel hinterm Tresen im Zielraum. Hä? „War doch nur Spaß“, schickt sie schnell hinterher und reicht mir den Becher. Sollte ich es vergessen haben – ich befinde mich in Mainz, einer Stadt, in der Humor und Lebensfreude nicht nur vom 11.11. bis zum Fastnachtsdienstag besonders groß geschrieben wird. Eine Stadt, in der man auch einen Marathonlauf nicht allzu ernst angehen sollte.

Aber erst einmal alles auf Anfang: Ich laufe meinen 11. Marathon zwar nicht am 11.11., aber immerhin am 5.5., und das kurz nach meinem 55. Geburtstag. In der Vorbereitung habe ich das Nötigste in Form von fünf langen Läufen geschafft, mehr aber auch nicht. Intervalle? Tempodauerläufe? Nicht mit mir.

Zumindest hat sich die Angst vor einem Hitzemarathon verflüchtigt. Wurden im Vorjahr 25 Grad gemessen, hagelt es diesmal am Vorabend und friert in der Nacht. Rheinhessen, das Sonnenparadies im Südwesten? Gönnt sich eine Pause an diesem Wochenende. Wenigstens ist es pünktlich zum Start sonnig, kaum windig. Eigentlich also ideale Voraussetzungen für mein Marathon-Comeback nach zweieinhalb Jahren Verzicht.

Für den Start haben sich die Mainzer offenbar den hässlichsten Flecken der Stadt ausgesucht (da kannte ich aber das Industriegebiet in Mombach noch nicht), nämlich neben dem Rathaus im 70er-Jahre-Brutalostil und der unwesentlich attraktiveren Rheingoldhalle. Dafür ist hier alles perfekt organisiert. Die meisten Starterinnen und Starter sind locker drauf. Ein Sprecher haut eine Pointe nach der anderen raus. Ab und zu vermisse ich den Tusch, der bei Fastnachtssitzungen den sanft Weggeschlummerten signalisiert, dass sie jetzt zu lachen haben. Der Bürgermeister ist auch da, ebenso der Stadionsprecher von Mainz 05. Die ganzen Schwellköppe… Ach nein, das sind ja diese Fastnachtsfiguren mit den riesigen Köpfen, wie uns der Sprecher erklärt. Ta-taaa! Eine von denen, passenderweise mit der Startnummer 1111, werden wir auf den ersten Metern passieren.

Ach, diese ersten Meter. Man hat noch mehr als 42000 vor sich, fühlt sich unendlich fit und frisch und weiß doch, dass sich das irgendwann ändern wird. Knapp 1000 Marathonis starten zusammen mit 6000 Halbmarathon-Läufern. Es ist ordentlich voll auf der Straße, ohne dass man aber ausgebremst wird.

Zunächst geht’s Richtung Mombach – einem Ortsteil, von dem ich bisher nur eine Autovermietung und eine Tankstelle kannte. Bedeutend sehenswerter ist der Rest aber auch nicht. Immerhin feuern uns im Ortsteilkern ein paar mehr Leute als zuvor auf offener Strecke an. Grandios viel ist an der Strecke nicht los, da haben (Entschuldigung, liebe Meenzer) die Bremer bei meinem Lauf vor drei Jahren für deutlich mehr Stimmung gesorgt. Vielleicht liegt’s an der für Mainzer Verhältnisse geradezu arktischen Kälte.

An Zuschauern mag es fehlen, an Wahlplakaten definitiv nicht. Neben der Europawahl stehen in Rheinland-Pfalz demnächst Kommunalwahlen an. Und ich habe viel zu viel Zeit, mir die meist nicht besonders originell gemachten Plakate anzuschauen. Vor allem den Deppen vom rechten Rand mangelt es an allem, nur nicht an Geld für ihre Großplakate. Lustig finde ich den Namen des SPD-Kandidaten für das Ortsvorsteher-Amt in der Neustadt, aber Witze über Namen macht der Safft-Sack aus Prinzip nicht.

Bei Kilometer 10 wartet am Sömmeringplatz meine Allerliebste, die selbsternannte Läuferin auf Kleinstniveau. Sie mag überhaupt nicht akzeptieren, dass allen Frauen ein F vor die Startnummer gepappt wird, während die Männer buchstabenfrei lostraben dürfen: „In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?“ Aber zu einem Boykott der Veranstaltung kann sie sich nicht durchringen, zumal ein leckeres Frühstück mit zwei netten Kolleginnen auf sie wartet.

Nach einer kleinen Runde durch die Innenstadt traben wir weiter Richtung Weisenau. Nahe am Rhein, aber leider immer durch einen Bahndamm getrennt vom Fluss. Drei Kilometer bis zum Wendepunkt, drei zurück. So kann ich mir mal gut eine halbe Stunde lang große Teile des Starterfelds angucken. Von den Bleistiften an der Spitze bis zu den Radiergummis ganz hinten, wie der Sprecher vorm Start den guten Manfred Steffny zitierte.

Bei Kilometer 21 trennt sich zwar nicht die Spreu vom Weizen, aber das Halbmarathon-Feld von uns Marathonis. Und plötzlich ist es sehr viel leerer. Nicht nur auf dem Asphalt, sondern auch am Rand. Wir übrig gebliebenen 1000 Leutchen steuern die Theodor-Heuss-Brücke an und landen in Mainz-Kastel. Heißt zwar noch Mainz, gehört aber seit 1945 zu Wiesbaden, also zu Hessen. Bevor ich das lang und breit zu erklären versuche, verweise ich lieber auf den lesenswerten Beitrag AKK-Konflikt bei Wikipedia.

In Kastel und im benachbarten Kostheim haben viele Einwohner, die ja auf dem Papier Wiesbadener sind, die Straßen offenbar sehr bewusst in den Mainzer Farben rot und weiß geschmückt. Vor einer Bäckerei ertönt Musik aus der Schlagerhölle in Hörsturz-Lautstärke, ich freue mich aber (sicher im Gegensatz zu manchem Anwohner) trotzdem über diese herzliche Unterstützung. Nach einer kleinen Runde durch die Wohngebiete geht’s zurück zur Brücke und nach Rheinland-Pfalz. Nach ungefähr 27000 Schritten packt mich sehr plötzlich das Gefühl: So fit bin ich doch nicht mehr. Nein, ich bin überhaupt nicht mehr fit und muss die 3:30er-Ballonläufer kampflos ziehen lassen.

Zurück auf die Rheinallee, zurück Richtung Mombach. Meine Allerliebste winkt mir nach 28 Kilometern zum zweiten Mal zu, ich freue mich schon auf unser drittes Date am Sömmeringplatz bei Kilometer 36. Bis dahin überstehe ich ein paar kleine Krisen, schäme mich auch nicht, an den Verpflegungsständen auch mal ein paar Schritte zu gehen. Das Tempo der ersten 27 Kilometer kann ich längst nicht mehr halten, was mich nicht sonderlich wundert. Aber wenigstens tut nichts weh. Ich muss gerade an Bremen 2016 denken. An die Krämpfe links und rechts ab Kilometer 32. Daran, dass ich am kleinen Hügelchen kurz hinterm Weserstadion sogar stehenbleiben musste, weil selbst Gehen nicht mehr möglich war.

Jetzt freue ich mich auf den Schlussspurt, erkenne ein paar Punkte wieder. Die Boppstraße, die Kaiserstraße mitsamt der Christuskirche, die ersten Ausläufer der Fußgängerzone, den Dom, die Augustinerstraße. Pi mal Daumen gerechnet, liege ich inzwischen im Plan wieder knapp unter 3:40, beiße noch einmal kräftig auf meine Zähne und genieße die letzten Schritte über die Rheinstraße. Ich erblicke linkerhand den Holzturm. Da ist doch schon das Ziel? Leider nein, ein paar hundert Meter später erst folgt der ganz ähnlich aussehende Eisenturm auf Höhe der Ziellinie.

Die Läuferblindheit hat mich ohnehin gepackt. Ich lasse mich so sehr von einem „Press-Button-for-Power“-Plakat rechts und von den Mädels in den Römer-Kostümen auf beiden Seiten ablenken, dass ich gar nicht meine Liebste bemerke, die auf der linken Seite meinen Zieleinlauf filmt. Ich laufe, laufe, laufe, bis ich von den Medaillenausgebern aufgehalten werde. Wo war eigentlich die Ziellinie? Egal. Ich habe – wie schon in Florenz 2015 und in Bremen 2016 – wieder eine Zeit von 3:39 und einem Keks gelaufen. Und weil der Keks diesmal etwas kleiner ist, habe ich meine schnellste Zeit seit gut fünf Jahren geschafft. Und das nach dieser „Vorbereitung“.

Ein bisschen stolz bin ich ja doch auf mich, auch wenn meine Renneinteilung mal wieder eine Katastrophe war. Aber geschafft ist geschafft. Und ich hab’s lächelnd geschafft! Jawoll, darauf kommt es an. Diesmal ohne Kompressionsstrümpfe und ohne Salztabletten und mit nur zwei Gel-Packungen, weil ich auf die dritte schon keine Lust mehr hatte. Allmählich werde ich tatsächlich noch ein Natural Runner.

Neben der hübschen Medaille und dem oben erwähnten Weizen, das doch gratis war, erhalte ich wie alle Marathon-Finisher eine Flasche Riesling vom Weingut der Stadt Mainz – so ein edles Tröpchen hat Bremen nicht zu bieten. Das Gewusel um mich herum wird mir bald aber zu viel. Und beim Aufbruch reift der Entschluss: Mein Dutzend werde ich wohl eher nicht bei einem City-Marathon vollmachen, sondern bei einem idyllischen Landschaftslauf. Vielleicht beim Wendland-Marathon, der als voll gilt, wenn sich mal mehr als 20 Leute auf die lange Runde wagen? Dort in Liepe werden die Frauen ohne F vor ihrer Startnummer auf die Reise geschickt. Eine Veranstaltung, die unbedingt unterstützt werden muss. Und bei der ich, ganz nebenbei, sicher auch etwas besser abschneiden kann als mit Platz 253 wie in Mainz.

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