Leere im Kopf

Manchmal laufe ich und bin froh, wenn ich es hinter mich gebracht habe – vorzugsweise Wettkämpfe, die ich entweder zu schnell angegangen bin oder für die ich einfach nicht in Form war. Manchmal aber laufe ich und bin einfach richtig glücklich. Nicht im Ziel, sondern unterwegs. Runner’s High? Flow? Daran mag ich nicht so recht glauben. Aber irgendetwas ist anders gewesen beim Volkslauf des TSV Adendorf, den ich wahrlich nicht zum ersten Mal genossen habe. Die Strecke ist nicht besonders spektakulär, schneller war ich auch schon mal. Aber es ist etwas passiert. Nicht mit meinen Beinen, sondern in meinem Kopf.

Vielleicht hängt es mit meinem neuen Leben als Amateurgärtner zusammen. Mit meiner neuen Wohnung habe ich einen neuen Garten erworben. Garten? Im Augenblick handelt es sich um eine Fläche, auf der sich der Rasen so spärlich zeigt wie der erste Bartflaum im Gesicht eines Jünglings. Grob kann ich mir vorstellen, wie das alles mal aussehen könnte: Hecken, Wiese, Sträucher, Gräser. Jetzt habe ich erst einmal stundenlang den Rasen gemäht und Steine eingesammelt. Am nächsten Tag totes Geäst und Brennnesseln in die Grüne Tonne gekloppt.

Meine letzten Meter in Adendorf – sieht ja halbwegs entspannt aus. Foto: TSV Adendorf

Ich mag gar nicht daran denken, wie viel Arbeit noch vor mir liegt. Ich will es aber auch nicht. Wenn ich mit der Gartenschere den vergammelten Brombeer-Sträuchern zuleibe rücke, dann gibt es nur mich, die Schere und die Sträucher. Und keinen Gedanken daran, dass ich immer noch nicht weiß, wohin ich das Gartenhäuschen stellen will oder wo ich meine Heckenpflanzen einkaufe. Ich bin ganz im Moment gefangen. Gartenarbeit hat etwas Meditatives. Hätte ich nie geglaubt.

So ähnlich ergeht es mir ja auch mit meiner Liebsten, der an dieser Stelle bisweilen schon zitierten Läuferin auf Kleinstniveau. Fünf Stunden Zugfahrt oder mehr trennen uns. Ziehe ich irgendwann zu ihr? Sie in meine Region? Treffen wir uns in der Mitte? Fragen, die in der Zukunft sicher einmal beantwortet werden sollten. Derzeit genießen wir lieber die Gegenwart, unsere beiden Welten in Nordostniedersachsen und in Rheinhessen. Und die dritte auf halber Strecke nahe Göttingen noch dazu.

Und so ist es mir jetzt auch in Adendorf ergangen. Bewusst habe ich mir diesmal die Langdistanz (18,5 km) ausgesucht, um das Rennen ganz entspannt angehen zu können. Ein, zwei Kilometer suche ich noch das richtige Tempo und meine Position im Feld, dann laufe ich einfach nur noch. Ohne Blick auf die Uhr. Ohne jegliche Sehnsucht nach dem Ziel. Ohne die Rechnung, wie viele Kilometer ich noch vor mir habe und wie lange ich dafür noch brauche.

Ich laufe einfach. Das gilt nicht nur für diesen Volkslauf, sondern auch insgesamt. Ich habe meine Fixpunkte, Lauftreffs in Lüneburg und Scharnebeck, am liebsten natürlich gemeinsame Runden mit der Kleinstniveau-Läuferin. Ich habe bald auch wieder ein konkretes Ziel in Form eines Marathons. Aber ich lasse alles auf mich zukommen, brauche keine Trainingspläne, keine Zeitvorgaben. An guten Tagen (und ich habe auch schlechte Tage!) laufe ich mir den Kopf leer.

So läuft’s auch in Adendorf bei schönstem Wetter, mit entspannten Mitstreitern und halbwegs akzeptabler Form. Die Top-Leute sind wohl alle im Bett geblieben, erstmals überhaupt wohl erreiche ich bei einem SALAH-Cup-Lauf eine einstellige Platzierung. (Okay, es ist die größte Zahl, die noch einstellig ist..) Tusch, Sensation: Erstmals bei einem Cup-Rennen habe ich meine Altersklasse gewonnen! Das passiert natürlich genau an einem Tag, an dem ich niemals damit gerechnet hätte.

Einen Tag später stehe ich wieder im Garten und fülle den nächsten braunen Sack mit Pflanzenresten. Ich bin glücklich.

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