Lange Gesichter auch in kurzen Hosen

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Lang oder kurz? Diese Frage stellte sich mir vor dem Wintervolkslauf in Amelinghausen gleich zweimal. Der lange Halbmarathon oder doch die kurzen 11,2 Kilometerchen? Lange Klamotten bei lachender Sonne und knapp über null Grad oder doch ganz mutig Shirt und Short? Ich war nicht mutig und entschied mich für kurz (Distanz) und lang (Kleidung). Ein kurzweiliger Lauf, nach dem einige Mitstreiter aber doch recht lange Gesichter machten.

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“20 Sekunden verlierst du pro Runde, wenn du eine lange Hose trägst”, soll ein ortsbekannter Erfolgscoach seinen Schützlingen neulich gesagt haben, als er ihnen kurze Klamotten auch bei Schneefall quasi befohlen hatte. Als ich morgens vom Autochen noch das Eis abkratzen muss, habe ich mich aber endgültig für den 20-Sekunden-Zeitverlust und gegen die Grippe ab morgen entschieden. Knapp 95 Prozent der Läufer in Amelinghausen sind da ganz bei mir, selbst einige aus dem Erfolgsclub des Erfolgstrainers entpuppen sich als Weicheier.

Ist ja halt keine offizielle Meisterschaft, sondern “nur” der erste Lauf des SALAH-Cups. Trotzdem ist der Auftrieb riesig, gut 300 Leutchen starten allein mit mir beim 11,2-km-Lauf. Seit Anfang Januar stellte sich bisher zu unseren Runden am Sonntag immer doofes Wetter ein, aber jetzt scheint die Sonne, weht kaum ein Lüftchen. Wenn sich bei mir nur mal wieder der Wettkampf-Modus einstellen würde! Zum ersten Mal fast exakt drei Monaten habe ich mir wieder eine Startnummer an den Bauch getackert. Auf schnelles Laufen bin ich so gut vorbereitet wie die TSG Hoffenheim auf die Champions League.

Los gehts. Lopausee, ein bisschen Wald, Oldendorfer Totenstatt, noch mehr Wald, eine Heidschnuckenherde zur Linken und die andere Seite vom Lopausee – touristisch hat der Kurs viel zu bieten. Nach der Verpflegungsstelle bei Kilometer sechs geht’s ein klitzekleines bisschen bergauf, ein Hauch von Wind weht uns ins Gesicht. In dem Moment denke ich aber nur an vergangene Jahre, an Glatteis oder zehn Zentimeter Neuschnee, an Regenschauer oder Sturmböen – hach, haben wir es heute gut.

Eine der Erfolgsläuferinnen aus dem Erfolgsverein vom Erfolgscoach lasse ich an eben diesem leichten Anstieg hinter mir. Kein Wunder, sie hat ja auch eine lange Hose gewählt. Eine andere aus dem Club mit Dreiviertelhose (die kostet bestimmt nur 7,5 Sekunden) hält sich aber noch wacker vor mir, ich sehe ihren lustig hüpfenden Pferdeschwanz bis ins Ziel hinein immer gut 50 Meter vor mir. Lustig hüpfende Pferdeschwänze kosten sicher doch auch 10 Sekunden pro Runde?

Ich komm’ ins Ziel, bin glücklich mit meiner Zeit, glücklich über meine doch ganz achtbare Verfassung. Nachdem 2015 mein Jahr der Leiden oder fiesen Zipperlein war, freue ich mich vor allem darüber, dass gut 50 Minuten lang gar nichts weh getan hat. Manchmal ist es halt doch nicht die blödeste Idee, die Füße auch mal ein bisschen ruhiger zu halten. Aber andere sehen gar nicht so glücklich aus. Einer der stadtbekannten Lüneburger Cracks kommt erst ein paar Minuten nach mir ins Ziel, ein anderer hat gar aufgegeben. Die werden sich doch nicht…?

Doch, sie haben sich verlaufen. Wie doof. An einer Stelle, an der noch nie etwas passiert ist, die Schilder aber offenbar ein bisschen zu hoch hingen. Der Erste (der schon dezent erwähnte Erfolgstrainer, der bisweilen auch ein Erfolgsläufer ist) fand den richtigen Weg, seine ärgsten sechs bis acht Verfolger aber nicht. Sie bogen falsch ab, merkten das erst nach Ewigkeiten – da war das Rennen im wahrsten Sinne des Wortes für sie gelaufen.

Einige nehmen es mit Humor, einige schimpfen vor allem über ihre eigene Läuferblindheit, andere haben einen richtig dicken Hals. Ja, ich habe bei einer Läuferin sogar Tränen gesehen. Ist doch nur ein Volkslauf! – ach, das will ich lieber nicht sagen, zumal eine kleine Markierung am Boden mit Spänen das ganze Malheur sicher verhindert hätte. Aber wahrscheinlich braucht man schon 5000 Ordner und 20 Kilometer Maschendrahtzaun, um jegliches Verlaufen zu verhindern.

Immerhin, in meiner Eigenschaft als Sportredakteur hatte ich wieder einiges zu schreiben. Aber auf diese Steilvorlage hätte ich gern verhindert. Zumindest habe ich mit Genugtuung registriert, dass auch das Tragen von kurzen Hosen das Verlaufen nicht verhindern kann.

2 Kommentare

  1. Alex

    Hallo Saffti,

    also ich hatte mich für “Kniefrei” entschieden und zwar aus folgendem Grund:

    “Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
    Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
    Im Tale grünet Hoffnungsglück;
    Der alte Winter, in seiner Schwäche,
    Zog sich in rauhe Berge zurück.” (Goethe)

    Schöne Woche noch …
    Gruß, Alex.

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  2. Blumenmond

    Ha… endlich wieder ein Eintrag und dann direkt ein so schöner.

    20 Sekunden durch lange Hosen? Interessant. Verlaufen ist doof. Selbst wenn man nicht auf Zeit läuft (mir schon häufiger passiert;-)) ist das Verlaufen doof. Find ich.

    Aber schön zu lesen, dass nichts weh tut. Das ist doch die schönste Botschaft.

    Gruß
    Anja

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