Post aus Rotterdam

Rotterdam Marathon Logo

Bis vor ein paar Stunden war mein Marathon in Rotterdam so unendlich weit weg. Nun aber lag der startbewijs in der Post. Nun weiß ich, dass ich am 13. April um 10.30 Uhr mit der Startnummer 6365 im Block D stehen werde, mich auf die drei Stunden und x Minuten Lauferei, die vor mir liegen, freuen werde. Wie nervös werde ich sein? Wie gut kann ich in der Nacht zuvor schlafen? Habe ich tatsächlich schon die Schwelle vom blutigen Anfängertum zur Marathon-Erfahrung überschritten, ohne dass ich es gemerkt habe?

Keine Hipster-Demo, sondern Marathon-Läufer in Rotterdam 1981.

Keine Hipster-Demo, sondern Marathon-Läufer in Rotterdam 1981.

Im Rückblick verklärt sich vieles, aber mein erster Marathon war doch der Horror. Der Spätsommer 2008 war erst höllisch warm, danach komplett verregnet. Irgendwie war immer falsches Wetter. Das mit dem Dreißiger hat nie geklappt, zumal Verletzungen dazwischen kamen – eindeutige Folge einer Überlastung, wie ich heute nur zu gut weiß. Und dann die Schnapsidee, das Marathondebüt auf Mallorca bei 28 Grad zu geben: Ich bin angekommen, immerhin. Bei Kilometer 38 hatte ich mir geschworen: nie wieder. Im Ziel war klar: Das muss ich beim nächsten Mal besser hinbekommen.

Und es wurde allmählich besser: Bei Marathon Nummer 2 lief ich flüssig durch – ein herrliches Gefühl. Vor Marathon 3 konnte ich tatsächlich ein paar Tage Familienurlaub machen, ohne ständig an den Lauf zu denken. Vor Marathon 4 habe ich sogar zum ersten Mal halbwegs durchgeschlafen. Marathon 5 war der erste richtig gut eingeteilte. Und Marathon 6 wurde sogar der schnellste bisher, obwohl ich zuvor 14 Tage verletzt war und eigentlich nur heil im Ziel ankommen wollte.

Liebe Neulinge, die ihr 1000 Tode vor und während des ersten Marathons erleidet – belasst es nicht bei diesem einen. Vor mir liegt Nummer 7. Und weil es bei mir in meinem sonstigen Leben derzeit richtig rund geht, kann ich zusätzlichen Stress durch die Lauferei nicht ertragen. Ich habe mir einen Trainingsplan erstellt, aber seit Wochen nicht draufgeguckt, weil ich inzwischen weiß, was mir gut tut und was mich nur kaputtmacht.

Gucken, was der Frühling macht

Laufen ist Erholung, Entspannung für mich, auch wenn es mir vor einem Dreißiger manchmal schon schwerfällt, an diesem Gedanken festzuhalten. Aber ich sehe es so: Jetzt kann ich drei Stunden lang gemütlich Musik hören, gucken, was der Frühling macht, und kann mich danach ruhigen Gewissens aufs Sofa legen und Kuchen futtern. Ich habe in diesem Jahr einige komplett neue Strecken für mich entdeckt, tobe mich erstmals vor Marathon auch auf der Bahn aus und mache mir keinen Kopf, wenn die 800er mal wieder fünf Sekunden zu langsam waren. Ich habe außerdem den Test-Halbmarathon ersatzlos gestrichen, weil das ausgeguckte Wochenende inzwischen voll mit Nicht-Laufterminen ist. Und ich glaube trotzdem, dass ich in Rotterdam nicht bei Kilometer 25 in der Gosse liegen werde.

Glaube aber keiner, dass mir die Zeit in Rotterdam komplett egal ist. Kurz vorm 50. Geburtstag ist es ein tolles Gefühl zu erkennen, dass ich noch nicht an meine Grenze gekommen bin und dass ich mich Jahr für Jahr noch steigern kann. Dafür verlasse ich im Training auch mal den Wohlfühlbereich. Dafür laufe ich auch noch den achten 800er, auch wenn ich nach fünf eigentlich schon ausgepowert war. Bisher war ich meist ganz gut im Abschätzen meiner Zeit – diesmal tippe ich auf eine 3:22:30. (Das wäre eine Steigerung um gut fünf Minuten – ich muss verrückt sein.)

Wo geht es denn hier zur Motivation?

Wo geht es denn hier zur Motivation?

Wir alle haben es in diesem Jahr auch leichter als 2013. Damals lag hier in Lüneburg von Mitte Februar bis Anfang April fast durchgehend Schnee. Die Waldwege waren vereist, die kurzen Laufklamotten blieben viel zu lange hinten im Regal. Ohne meinen wunderbar mollig-warmen Laufhoodie hätte ich den Winter wohl nicht durchgehalten. Heute ist mir aufgefallen, dass ich das schöne Teil in diesem Jahr noch kein einziges Mal angezogen habe.

Aber bei Marathon Nummer 7 fällt doch vieles leichter als bei der Premiere. Ich muss mich mittlerweile eher bremsen als antreiben. Ich habe mittlerweile meine Rituale, um mich vorm Start zu entspannen. Zuletzt war ich, der wirklich nicht der regelmäßige Museumsgänger ist, immer am Tag vorm Lauf in einer Ausstellung mit mehr oder weniger moderner Kunst – Rotterdam ist ein einziges modernes Kunstwerk!

Fotos: marathonrotterdam.org

1 Kommentar

  1. Elke

    Hallo Saffti,
    find’ ich ja witzig, Du stehst am gleichen Tag an der Startlinie eines Marathons, nur ein paar 100 km weit weg. Aber dann scheinen die Holländer flinker im Postversand zu sein, wir haben von der Donau bisher nur eine Mail…
    Ich wünsche Dir einen schönen und erfolgreichen Lauf und werde sicher nachschauen, wie es Dir ergangen ist!
    Liebe Grüße
    Elke

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