Schwarz vor Ohren

Die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern, Zeit für eine gemütliche Runde am SoFi-Tag. Gegen 10.30 Uhr soll in unseren Breiten die partielle Sonnenfinsternis dafür sorgen, dass gut 80 Prozent unserer Licht- und Wärmequelle vom bösen Mond abgedeckt sind. Ich laufe trotzdem ohne Stirnlampe und dicke Jacke los. Nur mein Smartphone nehme ich mal wieder mit, um etwas zu fotografieren, das ich mir gar nicht so recht vorstellen kann. Eine angeknabberte Sonne? Tiefste Dunkelheit im Wald? Dann könnte ich ja eigentlich auch um 22 Uhr loslaufen und das schwarze Nichts aufnehmen.

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Schwarz vor Augen ist mir beim Laufen zweimal geworden, beide Male, weil ich dehydriert war. Beim Mallorca-Marathon 2008 und kurz zuvor nach einer schnellen Runde durch Berlin. Noch länger ist es her, dass ich eine totale Sonnenfinsternis erlebt habe – der totale Flop. 1999 war’s. Der Tag fiel eh typisch norddeutsch aus, grau in grau. Irgendwann war’s halt dunkelgrau in dunkelgrau, und die Party war vorbei, ehe sie richtig begonnen hat.

Heute aber will ich SoFi ganz allein in der freien Natur genießen. Ich laufe an unendlich vielen aufgeschichteten Baumstämmen vorbei; der halbe Wald scheint abgeerntet zu sein. Die andere Hälfte wirkt noch reichlich kahl dafür, dass heute doch auch Frühlingsanfang ist. Was schon grünt oder blüht, vor allem Erle und Hasel, reizt nur meine Nase und erfreut keine sonstigen Sinne. Ein paar Soldaten marschieren einzeln oder in kleinen Grüppchen vorbei. Ein paar grüßen zackig – das könnte mit meiner Zwei-Millimeter-Rasur zu tun haben, die ich mir gestern beim Friseur gegönnt habe. Viele denken sich aber bestimmt nur: Warum läuft der Kerl denn freiwillig hier durch die Gegend? Okay, mit deren Ausrüstung würde ich es nicht unbedingt tun wollen.

Nach gut 20 Minuten laufe ich unterm Elbe-Seitenkanal durch (ja, das schafft man hier kurz hinterm Ebensberg). Und das Licht wird allmählich so… anders. Nicht dramatisch, eher so, als könnte es vielleicht in ein paar Stunden einmal regnen, weil sich ein paar Wölkchen am ansonsten strahlend blauen Himmel gebildet haben. Aber irgendetwas ist eindeutig anders als sonst.

Die Vögel.

Ja, es sind die Vögel. Fast schlagartig ist es still geworden. Einen Specht höre ich noch pochen, irgendein arg unmusikalisch klingender Piepmatz versucht sich noch an einem Liedchen. Der Rest hält den Schnabel. Es ist wirklich gespenstisch ruhig geworden, als wenn der sonnige März-Vormittag sich urplötzlich in eine ungemütliche November-Nacht verwandelt hätte. Mir wird schwarz vor Ohren.

Ich laufe weiter und höre weiterhin so gut wie nichts. Kaum verlasse ich den Wald, befinde ich mich schon mitten im Industriegebiet Hafen, mach‘ meine Schritte um den Flugplatz herum. Ein SUV donnert an mir vorbei, ein Mercedes quert rüde meinen Laufweg. Vorbei ist der Zauber. Die Zivilisation hat mich wieder.

Zur Feier des Tages renne ich zum allerersten Mal über den Wall, der die Stadtkoppel von der Ostumgehung trennt. Links Gedröhn, rechts Gedröhn. Und direkt über mir ein paar Vögel, die noch gut eine halbe Stunde Gezwitscher nachholen müssen. Ich notiere mir den 12. August 2026, den Tag der nächsten Sonnenfinsternis dieser Stärke. Ist ein Mittwoch. Hoffentlich findet die SoFi dann gegen 18 Uhr statt, pünktlich zu unserem Lauftreff.

Ein Gedanke zu “Schwarz vor Ohren

  1. Das war dann umgekehrte Gerechtigtkeit oder so.

    1999 konnte ich die Sofi wunderbar in Köln betrachten. Wir grillten mit den Kollegen und betrachteten sie gemeinsam. Es wurde so dunkel, dass die Lampen auf dem Hof angingen. Gestern fand ich das zum einen von Anfang an schon unspannend und zum anderen war es bei uns diesig und zwischendurch dunkeldiesig. Ich hab also nix gesehen und fröhlich weiter gearbeitet.

    Ja, es wird Zeit, dass es Grün wird in den Wäldern.. aber das wird jetzt auch förmlich explodieren.

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