Das Trauma vom Kiessee

Mörderische Steigung.

Eine Rechnung hatte ich mit dem Göttinger Kiessee offen. Viele Jahre habe ich nebenan, im Freibad am Brauweg, bei Waspo und später beim ASC trainiert. Fast ebenso viele Jahre habe ich mich erfolgreich um die Laufrunde vor dem Schwimmtraining gedrückt. Einmal um den Kiessee – und ich war fertig für den Tag. Höchste Zeit, meinem Jugendtrauma offensiv entgegenzutreten.

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Diesmal mache ich mich aber ordentlich warm. Mit dem gefühlt 30 Kilo schweren Leihrad von der Deutschen Bahn strample ich erst hoch nach Geismar, dann zurück zur Jugendherberge und wer weiß, wohin noch. Wie ich diese Berge in Lüneburg (nicht) vermisse. Anschließend eine Verabredung zum Tretbootfahren mit Mevrouw Graalman und ihren Meisjes. “Weißt du noch, wie wir früher immer um den Kiessee rumgelaufen sind?”, fragt Mevrouw, in ihrem früheren Leben schnellste Rückenschwimmerin mindestens von Göttingen. “Nee, du bist immer rumgelaufen. Ich habe mich meistens erfolgreich davor gedrückt”, antworte ich. Und ahne, warum das bei mir mit dem großen Durchbruch im Schwimmsport nie geklappt hat.

Warmmachen für die Kiessee-Runde! Foto: Charlotte Graalman

Warmmachen für die Kiessee-Runde! Foto: Charlotte Graalman

Aber heute! Während sich die Graalfrauen dicke Eisbecher oder Eiscafés gönnen, begnüge ich mich mit einem alkoholfreien Weizen. Denn heute will ich sehen, ob der Saffti 2.015 das schafft, wovor sich der Saffti in den frühen 90ern so einen Horror hatte. Ich trabe locker bis zum anderen Ende des Sees, gucke auf die Uhr. Keine vier Minuten sind vergangen. Sooo klein ist der See, der Bodensee meiner Erinnerungen?

Jetzt schon umkehren, das wäre blöd. Also laufe ich weiter Richtung Rosdorf, dann ein bisschen über die Felder, an der Leine entlang, einmal um den Sportpark herum, bewundere das Jahnstadion von Göttingen 05 – wann habe ich hier zum letzten Mal ein Fußballspiel gesehen? Und bin schon wieder am Startpunkt. Nach exakt 24 Minuten.

Das Weizen schwppt in meinem Bauch ein bisschen hin und her, aber eine zweite Runde muss es doch noch sein. Wer weiß, wann ich mal wieder hier bin? Ich spüre den Altstadtlauf vom Vorabend ebenso in den Beinen wie viele Fahrrad-Kilometer ohne Ziel und die Stunde Tretboot, aber das muss jetzt einfach sein. Ist wahrscheinlich auch so ein Männerding. Nochmals Rosdorf, nochmals Felder, nochmals die Leine und nochmals das Jahnstadion. Und nochmals das unbezahlbare Gefühl, etwas zu können, was ich als junger Hüpfer noch nicht konnte oder wollte. Der Kiessee, ein Jungbrunnen!

1 Kommentar

  1. Frau Mohr

    “…strample ich erst hoch nach Geismar, dann zurück zur Jugendherberge und wer weiß, wohin noch.”
    Tihi – das war mein erster Kicherer des Tages, danke dafür ;)

    Und siehste – jetzt biste jünger als du als junger Hüpfer warst, das ist doch unbezahlbar, oder? ;)

    Antworten

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