25. September 2020

Zeiten werden überschätzt

Marathon macht glücklich. Aber nicht jeden. Ich habe mit Leuten gesprochen, die den Lauf in Hamburg verletzungsbedingt aufgegeben haben – die fühlen sich noch mieser als HSV-Fans in dieser Saison. Andere waren einfach nur froh, die Strapazen hinter sich zu haben. Einige Läufer, die deutlich unter vier oder gar drei Stunden blieben, analysierten noch lange ihr Rennen. Aber wer konnte von sich behaupten, einfach nur von Glücksgefühlen berauscht ins Ziel gekommen zu sein?

Die Zeit im Nacken haben die Topläufer. Aber auch mancher Normal-Marathoni fühlt sich von der Uhr gejagt.
Die Zeit im Nacken haben die Topläufer. Aber auch mancher Normal-Marathoni fühlt sich von der Uhr gejagt.

Leider konnte ich selbst diesmal nicht vor Ort sein – denn die Gesichter auf den letzten Metern sagen so viel aus, da ist keiner mehr cool und kann seine Gefühle verbergen. Aber auch mit 24 Stunden Abstand sprudelt es aus den meisten noch heraus. Grob kann man die Finisher in drei Gruppen einteilen, Ähnlichkeiten mit tatsächlich laufenden Lüneburger Cracks sind natürlich rein zufällig:

1. Fritze Flink (2:xx Stunden) – weiß ganz genau, wo er die 50 Sekunden liegengelassen hat, die ihm zu einer Podestplatzierung in seiner Altersklasse fehlten. Bis Kilometer 32,5 lief auch alles nach Plan. Dann aber brach eine alte Verletzung vom Ironman Hawaii 2012 / einer Prügelei im Kindergarten / der letzten Crosslauf-Kreismeisterschaft (Nichtzutreffendes bitte streichen) auf. Es war halt ein bisschen zu windig für eine richtig gute Zeit. Am Anfang auch etwas zu kalt, am Ende zu warm. Den Schritt konnte man schließlich nicht mehr so lang machen. Die Getränke waren etwas zu kühl, das machte der Magen nicht so gut mit. Und in diesem Jahr konzentriert man sich ohnehin eher auf die kürzeren Strecken.

2. Harald Hastig (3:xx Stunden) – hat für die zweite Hälfte doch wieder fünf Minuten länger gebraucht als für die erste, weil er sich an den Landungsbrücken vor so viel Publikum einfach nicht zurückhalten konnte. Der neue Trainingsplan nach XY / das Sondertraining auf der Bahn / die drei Bier am Abend zuvor (Nichtzutreffendes bitte streichen) hat/haben sich wirklich bewährt, aber eigentlich hätte man den Volkslauf vor zwei Wochen nicht mehr so schnell laufen sollen. Es war halt ein bisschen zu windig für eine richtig gute Zeit. Am Anfang auch etwas zu kalt, am Ende zu warm. Aber egal, man hat’s endlich hinter sich und kann mal zwei Wochen / vier Wochen / bis zur nächsten Marathon-Vorbereitung (Nichtzutreffendes bitte streichen) gar nichts machen.

3. Gundula Glücklich (4:xx Stunden) – schwärmt von der so gigantischen Stimmung / den vielen tollen Samba-Gruppen / all den Freunden, die sie unterstützt haben (Nichtzutreffendes bitte streichen). War das super! Und es hat überhaupt nicht weh getan. Höchstens ein bisschen zwischen Kilometer 15 und 41. Ach, und es war viel zu schnell vorbei! Wollen wir uns morgen gemeinsam auslaufen? Kann man sich schon für nächstes Jahr anmelden?

Meine Moral von der Geschicht’: Zeiten werden total überschätzt. Mag mancher Laufguru auch gegen Weicheier wettern, die nicht mindestens 105 Prozent geben und bis zur Kotzgrenze gehen, so gewinne ich doch den Eindruck, dass die langsamsten Läufer gleichzeitig die glücklichsten sind. Ich kann mich noch sehr gut an mein zweites Rennen erinnern (nicht so gern ans erste…) – ich hatte mich so lange zurückgehalten, dass ich auf den letzten Kilometern sogar noch ein bisschen aufdrehen konnte und es fast bedauert habe, schon im Ziel zu sein. Wenn ich an die Zeit von damals denke – naja. Aber das Gefühl, 42,195 Kilometer zum ersten Mal richtig flüssig durchgelaufen zu sein, das ist unbezahlbar / grandios / kommt so schnell nicht wieder. Bitte nichts streichen!

2 Gedanken zu “Zeiten werden überschätzt

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