Anfänger für einen Tag

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Ich mach’ mich hier auf der Adendorfer Tartanbahn total zum Hampelmann. Und so tauge ich wenigstens zum schlechten Vorbild. “Zeig’ nochmal, wie du springst”, fordert mich Katja mit bittersüßer Miene auf, “damit wir sehen können, wie man es nicht macht. Natürlich nur, wenn du nichts dagegen hast.” Wie sollte ich auch? Ich kämpfe mich also ein zweites Mal über den Parcours, der aus zehn alten Fahrrad-Reifen besteht, und habe wieder das Gefühl, dass ich mit meinen Hampelmann-Sprüngen kaum den Boden verlasse. Ich Anfänger…

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Eine “Ausbildung zum NFV-Laufbetreuter” steht in Adendorf an. Mit mir wollen 21 andere Frauen und Männer aus allen möglichen Ecken Niedersachsens und aus Bremen wissen, wie man Anfänger auf Trab bringt. Theoretisch und auch in der Praxis. Katja vermittelt uns zum Beispiel die Grundlagen des Lauf-ABC. Anfersen, Hopserlauf, Hampelmänner – das ganze Programm halt. All’ die schönen Übungen, die meine Mitläufer von den Düvelsbrook Dynamics sicher ab sofort so brennend gern mit mir einlegen, wie Horst Seehofer den Sitz der CSU-Zentrale nach Flensburg verlegen würde. Aber mindestens.

Beim Hampelmann mache ich mich übrigens zum selbigen, weil ich mich nicht mit dem Vorfuß, sondern mit der Hacke abdrücke. Vorfuß ist auch das große Thema bei Reinhard in der anderen Gruppe. Wir laufen immer wieder fünfzig schlappe Meter hin und zurück, während auf dem Rasen die dramatische Partie aus der 3. Fußball-Kreisklasse zwischen dem TSV Adendorf II und dem SC Lüneburg II ihren Lauf nimmt. (Endstand 0:2, falls das irgendjemanden interessiert.) Mal schnell, mal langsam, mal mit übertriebenem Armeinsatz, mal mit angelegten Armen. Und immer wieder mit Laufen auf dem Vorfuß.

Schneller und gesünder sei das, schwärmt Reinhard: “Aber es dauert mindestens ein Jahr, bis man sich umgestellt hat. Ansonsten riskiert man Verletzungen.” Da werde ich wohl erst einmal meinem Schlappschritt treu bleiben. Immerhin scheint mein Armeinsatz zwar kein Fall fürs Lehrbuch zu sein, aber auch nicht völlig falsch. Kleine Erfolgserlebnisse braucht der Mensch.

Zuvor aber die Theorie. Schon bei der Vorstellungsrunde staune ich, wie viele Arten und Organisationsformen von Lauftreffs es gibt. Praktisch alle anderen Teilnehmer tragen stolz ihre Shirts mit Vereinsaufschriften von Aurich Ost (gibt es eigentlich auch einen Lauftreff Aurich West?) über Holzminden bis Anderten, nur ich sitze hier doof mit einem Finisher-Shirt aus Rotterdam herum und kann gar nichts dazu beitragen, wie denn bei uns der Lauftreff aufgebaut ist. Der beim VfL Lüneburg ist nämlich vor Jahren sanft entschlafen und müsste mal wieder wach geküsst werden.

Reinhard betont, dass ein Lauftreff mehr sei als nur eine Trainingsgruppe: “Man muss sich um alle kümmern. Auch um Leute, die nur eine Minute laufen können.” Er wirbt für zehn- bis zwölfwöchige Kurse mit einem konkreten Ziel, um Anfänger ans Laufen heranzuführen: “Das Ziel kann ein Volkslauf sein – oder auch einfach ein ganz bestimmter Lauf zum Beispiel um einen See herum mit anschließendem Grillen.” Tja, die unterschiedlichsten Gründe treiben die Leute in die Laufschuhe. Die einen fühlen sich groß, wenn sie mal bei einem Volkslauf in der Altersklassenwertung unter die Top Ten kommen, die anderen wollen einfach ihren Spaß, dünner oder fitter werden.

Ein wenig Trainingslehre steht auch auf dem Plan. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass lange, ruhige Läufe die Grundlagenausdauer fördern, weil sich nur so der Körper, äh … ja, dran gewöhnen kann, dass äh … weil das halt so ist. Wissen wir doch alle, oder?

Die Praxis wird allerdings mit kurzen, schnellen Läufen abgerundet. Wir wetzen hinterm Tor um ein paar Kegel herum, müssen uns die Zeit merken. 29 Sekunden. Nächste Runde, gleiche Zeit. Noch eine Runde, drei Sekunden schneller. Noch eine Runde, diese aber noch deutlich länger – und trotzdem die gleiche Zeit schaffen. Spiele mit der Zeit nennt sich das. Uff. “Ihr werdet morgen Muskelkater haben”, tippt Reinhard. So ein Quatsch. Von den paar Metern…

Ein Tag später: Mein erster Dreißiger in der Marathon-Vorbereitung steht an. Schon beim Gang vom Schlaf- ins Badezimmer merke ich, dass sich der Umfang von Oberschenkeln wie Waden über Nacht verdoppelt haben muss. Fragt mich nicht, wie ich die letzten sechs Kilometer der langen Runde überlebt habe. Ich sage nur ein Wort: knapp.

 

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