26. September 2020

Fifty shades of Selbstironie

Diese Hühner! Der Anblick des Federviehs auf dem Cover allein lohnt doch schon den Kauf des neuen Buchs von Heidi Schmitt namens „Komm, wir laufen aus“. Sprintet das Huhn rechts nicht so munter über den Hof wie der doofe Streber, der doch immer ein paar Sekunden früher als ich (das Huhn links) das Ziel erreicht? Im Buch selbst geht es allerdings gar nicht um Hühner. Es geht um uns. um den vermeintlich einfachsten Sport der Welt, den viele so gern so kompliziert machen.

auslaufen

„An erster Stelle steht die Selbstironie und es gibt nichts Schöneres, als über sich selbst zu lachen“, schreibt Dieter Baumann im „Vorwort des Rennschwaben“. Wer sich einmal im Blog Laufen mit Frauschmitt verfangen hat, weiß: Diese Dame ist mindestens siebenfache Goldmedaillengewinnerin der offenen hessischen Selbstironie-Meisterschaften.

Wenn sie „die fifty shades of rain“ beschreibt, die beim Koberstädter Waldmarathon auf die Menge herunterprasseln, dann liest sich das einfach nur köstlich. Und wenn sie die Qualen einer Läuferin beschreibt, die sich über Weihnachten auch einfach mal ein bisschen bewegen will, dann aber doch alle Plätzchensorten durchprobiert und mehr Alkohol trinkt als beim 100-jährigen Jubiläum ihres Sportvereins, dann weiß die Leserin und auch der Leser. Ihr ergeht es wie uns. Der Geist ist willig, das Fleisch aber oft genug zu schwach.

Dabei kalauert sie sich nicht billig durch die Szene, sondern schreibt auch mit dem gebotenen Ernst über Aspekte, die ihr am Herzen liegen. Über das Schicksal von Aktiven aus Ostafrika, die in Europa ihr Läuferglück suchen, aber nicht finden. Über den unsäglichen Eurosport-Plauderer Dirk Thiele, der jetzt hoffentlich in Rente gegangen ist. Und der Reykjavik-Marathon rutscht in meiner To-Do-Liste nach ihrem Laufbericht noch ein paar Plätze nach oben. Gleich hinter dem Ralf-Pagels-Gedächtnislauf in Nidderau-Eichen ist er jetzt zu finden.

All die kleinen oder auch größeren Macken ihrer Mitläufer spießt sie mehr oder manchmal auch weniger liebevoll auf, zum Beispiel die „10 beliebtesten Sätze von Volksläufern“. Und im Läufer-Glossar setzt die Germanistin zum langgezogenen Schlussspurt durch den Wald der beliebtesten Läuferphrasen von Auslaufen über Hausstrecke bis Stimmungsnest an.

Ich nehme besonders gern ihre Bitte auf, auch mal etwas übers Laufen zu schreiben, wenn die Form schlecht und die Zeit miserabel war, weil der Schweinehund mich wieder besonders kräftig ins Hinterteil gebissen hat. Mit meinen absoluten Lieblingssatz beendet Frau Schmitt aber das Kapitel „Im Tunnel“ über die Gefühlswelt eines Marathonis kurz vor und nach dem Lauf: „Das, was wir heute gesehen, gedacht und gefühlt haben, begleitet uns – für immer.“

Das Buch ist wie wohl alles auf dieser Welt außer lebenden Hühnern bei Amazon erhältlich:

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