3. Juni 2020

Ich muss gar nichts

Sorry, lieber Buchautor, dein Werk über den besten Weg zum Marathon werdet ihr bei mir nicht mehr los. Tut mir leid, liebe Sportwissenschaftlerin, deinen Trainingsplan „In 12 Wochen 10 Minuten schneller werden“ werde ich auch niemals mehr befolgen. Ich trainiere vor meinem Marathon, so gut es geht, frei Schnauze. Es soll ein Landschaftslauf mit vielen, aber nicht zu vielen Höhenmetern werden, von daher verbietet sich eh jeder Gedanke über eine Bestzeit. Ankommen ist alles. Und Spaß haben!

Spaß macht das Training Ende Januar nicht unbedingt. Selbst im ansonsten sonnenverwöhnten Saulheim sehe ich drei Tage lang nur eine weiße Suppe, die noch nicht ganz Nebel ist aber etwas mehr als Dunst. Das Thermometer quält sich ganz knapp über den Gefrierpunkt. Die Wege sind daher nicht glatt, sondern glitschig. Aber zehn Wochen vorm Marathon, das weiß ich auch ohne Trainingsplan, muss ich vielleicht auch mal mehr als 20 Kilometer am Stück laufen.

Muss? Ich will laufen, auch wenn ich das anfangs angesichts des Wetters und meiner Unausgeschlafenheit anfangs gar nicht einsehen mag. Mein Plan besteht aus drei bis vier Einheiten pro Woche, einen etwas längeren und einen etwas schnelleren Lauf (dafür sorgt meine Scharnebecker Gruppe automatisch) inklusive. Vier härtere Wochen, eine Woche kürzer treten, dann noch einmal vier Wochen Vollgas. So muss will ich das machen.

Saulheim mit all seinen Weinbergen ist natürlich das ideale Trainingsgebiet, denn ich bereite mich auf den Marathon Deutsche Weinstraße vor. „Hä?“, habe ich mir schon einige Male anhören dürfen. „Wo issn der?“ Na, von Bockenheim (nicht der Frankfurter Ortsteil…) nach Bad Dürkheim und zurück. Nicht-Pfälzer gucken mich immer noch groß an. „Bei meiner Liebsten um die Ecke“, ergänze ich dann. Was halbwegs stimmt, ganz aber auch nicht. Rheinhessen und die Pfalz sind zwar Nachbarn, die ganz heiße Liebe ist es aber nicht…

Eigentlich will ich nach Wörrstadt (südlich von Saulheim), entdecke aber einen Weg, der mich neugierig macht und laufe Richtung Norden, komme letztlich nach einer zweiten spontanen Wegänderung in Nieder-Olm an – und laufe da mitten rein in eine Landwirtschaftsausstellung. Nächste Planänderung. Ich schlängle mich durch viele neue Trecker und alte Kombis durch zurück nach Saulheim. Ich muss will ja noch mindestens 23,33 Kilometerchen voll bekommen. Nächste Woche 26,67, übernächste 30,00 – und schon kann ich mir einbilden, dass auch ein bisschen Systematik in meinem Training steckt.

Noch eine Ehrenrunde Richtung Ober-Saulheim und zurück nach Nieder-Saulheim, die nicht vorhandene Sonne genießen, meinen Hunger spüren, Freude empfinden, weil nichts weh tut – jedenfalls nicht übermäßig. Und Vorfreude spüren. Auf die Pfälzer Weinberge Anfang April – an einem hoffentlich sonnigen, etwas wärmeren, sehr viel grüneren Sonntag.

Elf Marathons habe ich in elf Jahren geschafft, elf unterschiedliche Großstädte in elf, nein, leider nur in vier Ländern dafür besucht. Der zwölfte führt durch Metropolen wie Asselheim und Dackenheim – wie in Rheinhessen enden auch in der Pfalz gefühlt 97,5 von 100 Ortsnamen auf -heim. Ich, der ansonsten bei jedem kleinen Brückchen weint, richte mich gern auf 495 Höhenmeter ein. Und zumindest das mit den 23,33 Kilometern durch Rheinhessen hat schon einmal ganz gut geklappt:

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.