Der große Lauf gegen das Irgendwann

Irgendwann sollte ich doch mal… Diese Phrase habe ich mir als Mitfünfziger abgewöhnt. Nicht irgendwann – jetzt. Denn die Zeit läuft einem davon. Gerade, wenn man so gern läuft wie ich. Und die Einschläge immer näher kommen. Einer meiner Stamm-Laufpartner ließ sich wegen Kniebeschwerden monatelang nicht blicken. Ein anderer, vor wenigen Jahren noch ein begnadeter Marathoni, freut sich über jeden Kilometer, den seine müden Gelenke noch erlauben. Und ich weiß mehr denn je, dass Sport treiben keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Geschenk.

Irgendwann wolte ich doch noch nach ein paar Jahren Pause einen Marathon absolvieren. Irgendwann? Exakt vor einem Jahr, Silvester 2018, habe ich mich für die 42,195 Kilometer in Mainz angemeldet. „Was nimmst du dir denn vor?“, wurde ich wie üblich von meinen Lauffreunden gefragt. Statt einer Zielzeit wie früher antwortete ich grundsätzlich mit den Worten: „Lächelnd ins Ziel kommen.“ Das habe ich letztlich auch geschafft. Dass ich auf der Rheinbrücke ein paar hundert Schritte gegangen bin und im Industriegebiet Mombach die Lust am Laufen für ein paar Kilometer auch mal gründlich verloren habe – geschenkt.

Vor allem habe ich es zum ersten Mal geschafft, nicht alle paar Kilometer auf die Uhr zu linsen, Zwischenzeiten und Distanzen zu analysieren und angsterfüllt festzustellen, dass ich mein Ziel eventuell um ein paar Sekunden oder Minuten verfehlen könnte. Wen interessiert es, um Himmels willen, ob ich nach dreieinhalb Stunden oder erst nach fünf durch bin? Bin ich ein besserer Mensch, wenn ich ein schnellerer Läufer bin?

Nein, der bösen Droge Ehrgeiz habe ich 2019 endgültig entsagt. Deutlich mehr als auf gute Zeiten freue ich mich bei Volksläufen auf die Gespräche davor und danach, auf das gemeinsame Erlebnis mit Leuten, die genauso bekloppt sind wie ich und bei brüllender Hitze oder Schneeregen durch die Wälder rennen, und auf das Gefühl, meinen Körper und seine Grenzen wieder gespürt zu haben. Auch wenn die Grenzen sich mittlerweile verschieben und ich mich manchmal noch älter fühle, als ich eh schon bin.

Mitten in Mombach habe ich übrigens entschieden, dass es reicht mit Läufen durch die Städte, mögen sie noch so schön sein wie Florenz oder eher mittelspannend wie Mainz. Irgendwann sollte ich doch mal einen hübschen Landschaftsmarathon… Nein, nicht irgendwann. Im April wartet die Deutsche Weinstraße mit vielen idyllischen Dörfern auf mich. Bin schon angemeldet.

Ein Gedanke zu “Der große Lauf gegen das Irgendwann

  1. Sehr cooler Text, der den Nagel auf den Kopf trifft. Diese Gratwanderung zwischen Ambitionen und Genuss kenne ich nur allzu gut. Und unter dem Strich ist es wirklich so, dass man über jeden gelaufenen Kilometer einfach dankbar sein soll.

    In diesem Sinne: Let’s get ready to rumble!

    Liebe Gruess

    Vloggy

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