Monsterstau auf der Datenautobahn

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Früher war wirklich nicht alles besser. Als ich in meinen jungen Jahren fotografiert habe, musste ich die Filme noch zum Entwickeln fortbringen und wusste nach ein paar Tagen erst, ob meine Bilder überhaupt etwas geworden sind oder ob wieder zwei Drittel unscharf ausfielen. Filme – das war etwas für Super-8-Nerds, die mit ihren verwackelten Sequenzen aus Badgastein oder Capri Freunde und Verwandte quälten. Und heute? Jedes Schulkind trägt in Form eines Smartphones hinreichend Technik mit sich herum, um flugs mal einen New-Hollywood-Film zu produzieren. Und ich? Theoretisch könnte ich auch alles. Praktisch lässt mich die Technik leider doch sehr alt aussehen – wie jetzt beim Lüneburger Firmenlauf.

Seit gut einer Woche habe ich einen Instagram-Account und weiß noch nicht so recht, was ich mit ihm anfangen soll. Nun ist sogar Snapchat installiert. “Die jungen Leute sind nur noch auf Snapchat unterwegs”, muss ich mir erklären lassen, “da sind Bilder und Videos nach zehn Sekunden wieder weg.” Ähem, das ist nicht wirklich bedauerlich, wenn ich an die Qualität der allermeisten Medien in sozialen Netzwerken denke. Aber worin besteht dann der Sinn des Ganzen? Egal, jedenfalls soll ich mich beim Firmenlauf mal an einer Snapchat-Story versuchen. Und die Facebook-Seiten meines Brötchengebers mit Videos füttern. Ach ja, über den Lauf schreiben soll ich ja auch noch.

Mehr als 2000 Leutchen wollen in Embsen ihre Runden drehen. Das bedeutet: Gut 1999 Leutchen sind unterwegs mit ihren Smartphones, um vor, während und nach dem Lauf ihren Status zu posten. Ich filme das Aufwärmen mit Musik, will den Videoschnipsel auf Facebook hochladen. Doch das Filmchen will und will nicht – der Statusbalken bewegt sich noch langsamer als ich mich auf dem 39. Kilometer bei meinem Mallorca-Marathon.

Also Snapchat. Ich will filmen – und bekomme immer nur Fotos zustande. Wo ist denn hier nur der verdammte Videoknopf? Und wie schreibe ich noch eine Story, damit nicht alles nach zehn Sekunden wieder gelöscht ist? Hätte ich mal besser aufgepasst.

Start. Ich nehme einen neuen Anlauf, ein Video zu drehen. Hoch damit auf den Facebook-Account meiner Zeitung – jetzt laufen ja alle, und mein Werk müsste freie Fahrt auf der Datenautobahn haben. Aber es rührt sich immer noch nichts. Das Aufwärmvideo hängt immer noch. Wi-Fi meldet sich munter an und ab. Mist. Früher hätte ich einfach Fotos geschossen, später zu Hause die Rollos runtergezogen und die Bilder ganz in Ruhe entwickelt. Heute kriege ich die Krise, aber multimedial.

Sehr viel später höre ich auf dem Weg zurück nach Lüneburg, wie mein Smartphone meldet, dass mein erstes Video jetzt online ist. Das zweite vom Start folgt nur mit einer winzigen Verzögerung von gut zwei Stunden. Was ich bei Snapchat abgelegt habe, ist hoffentlich schon längst wieder zerstört. Und ich träume von meiner Lieblingsbeschäftigung beim nächsten Firmenlauf: einfach nur laufen.

 

1 Kommentar

  1. Blumenmond

    Wenn ich ins Müngersdorfer Stadion gehe, dann träume ich auch immer davon, einfach nur Fußball zu gucken. Dann versuche ich aber, die Welt an meiner Freude teilhaben zu lassen und verpasse vor lauter Suchen nach eine4 möglichen Lücke in der Datenautobahn die besten Tore. So schauts aus…

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