Wie die Bayern 1999

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Die post-marathonale Depression (PMD) ist eine Läuferkrankheit, die in weiten Bevölkerungsteilen krass unterschätzt oder gar ignoriert wird. Was für ein Missstand! Da quält sich der tapfere Kämpe die 42,195 Kilometer ab, fällt danach in ein tiefes Loch, hält weder Trainings- noch Ernährungspläne ein – und wird von seiner Umgebung allenfalls für stinkfaul gehalten. Ich habe meine PMD jetzt mit einem Zehner in Hohnstorf bekämpft und muss bilanzieren – ich bin auf dem Weg der Besserung.

Immer auf der Suche nach Windschatten - so bin ich.

Immer auf der Suche nach Windschatten – so bin ich.

Hohnstorf eignet sich “nur” fünf Wochen nach dem Marathon eigentlich prima für einen erstes neues Duell mit der Uhr. Wer nach ein paar hundert Metern hoch zum Deich läuft, hat den höchsten Punkt der Strecke schon erreicht. Nur knapp 25 Kilometer von Lüneburg entfernt, sieht die Landschaft an der Elbe doch ganz anders aus. Kaum Bäume, keine sanften Hügel, sondern einfach nur viel Landschaft nah am Wasser. Holländisch wirkt das fast. Original aus Holland importiert könnte allerdings auch der empfindliche Westwind sein, der in Hohnstorf an zirka 333 Tagen im Jahr regiert.

Ich habe mich wahrlich prima vorbereitet auf den Deichlauf. Mein Sonnabend bestand mittags aus einem 50. Geburtstag eines Freundes (Grillen und Kuchen), dann einem Fußballtermin in Drennhausen (liegt immerhin auch an der Elbe, also perfekt zur Akklimatisierung) sowie ein paar hektischen Stunden im Büro inklusive einem Döner und einer Flasche Efes zum Abschluss. Dafür gibt’s am nächsten Morgen nur zwei Honigtoaste – viel mehr bekomme ich gegen 7.30 Uhr sowieso noch nicht herunter. Und dann auf nach Hohnstorf!

Kaum habe ich mich umgezogen, schildert ein ziemlich schneller Mann aus meiner Altersklasse seinen schweren Fall von PMD. “68 Kilo wiege ich jetzt”, stöhnt er. Nun – er ist in etwa so groß wie ich, aber so wenig habe ich bestimmt das letzte Mal nach meiner vorletzten pubertären Wachstumsphase auf die Waage gebracht. Mein Laufshirt spannt noch etwas mehr. Diese Thoni-Mara-Teile sind wirklich genial, tragen sich schön, saugen problemlos  hektoliterweise Schweiß auf. Aber sie spannen so um die Wampe herum. Ich spüre, wie sich jedes einzelne Döner-Teilchen durch den Stoff hindurch abzeichnet.

Ein recht exklusives Tempo

Kurz vorm Start stellen zwei Frauen wenigstens ein bisschen von meinem Selbstvertrauen wieder her, als sie meine Düsseldorf-Zeit in den Himmel loben. Nun, die eine lief mir bei jedem Halbmarathon bisher locker weg, die andere ist Rennsteig-gestählt. Und schon sind die Mädels weg, weil sie als wahre Kerle den Halbmarathon in Angriff nehmen und nicht nur den schnöden Zehner. Fünf Minuten später dürfen auch wir Sprinter starten. Nach zwei, drei Minuten sind wir schon auf dem Elbdeich und werden ordentlich durchgepustet. Wer einen großen, dicken Klops vor sich hat, flieht in dessen Windschatten, ich finde immer nur kleinere, schmalere Menschen vor mir.

Nach gut fünf Kilometern geht es durch eine Unterführung und auf der anderen Seite der Bundesstraße quer durch die Felder zurück. Doch nun treten zwei ebenso fiese, wie häufig beschriebene Effekte auf einmal auf: Der Rückenwind auf dem Rückweg ist niemals so stark wie der Gegenwind auf dem Hinweg. Und die Kilometerschilder auf solchen Volksläufen scheinen auf der zweiten Hälfte immer weiter auseinanderzustehen. Ich muss mich anstrengen, meinen anvisierten 4:30er-Schnitt zu halten. Gut 100 Meter vor mir trabt eine Fünfergruppe, aus der einfach niemand abzufallen scheint. Direkt hinter mir höre und sehe ich auch niemanden. Ich scheine mal wieder ein recht exklusives Tempo zu rennen.

Einen guten Kilometer vor dem Ziel schnappe ich mir doch einen, der lange vor mir lag, und ich bin glücklich. Ist doch immer ein befriedigendes Gefühl, auf der zweiten Hälfte mehr Leute zu überholen als passieren lassen zu müssen. Aus dem 1:0 wird aber noch ein 1:2, wie es die Bayern 1999 gegen Manchester United  kassiert hatten. In Sichtweite des Sportplatzes flitzt ein Silberrücken an mir vorbei, als sei er gerade in einen Jungbrunnen gefallen. Im Schlepptau hat er einen Jüngling der Sorte, die ansonsten immer auf dem letzten Kilometer einzubrechen pflegt. Der Jüngling schnappt sich aber nicht nur mich, sondern auch den grauen Panter. Ich übe mich in diesem Blick, der sagen soll, dass ich weit über solchen schnöden Dingen wie Zeiten oder Platzierungen stehe, und passiere lockeren Schritts die Ziellinie.

Natürlich sind mir die Zeiten nicht egal. Ich bin die (angeblich) 10,6 km lange Strecke in 47:20 gelaufen, also immerhin 21 Sekunden schneller als vor zwei Jahren. Der körperliche Verfall scheint also noch nicht allzu rasant fortzuschreiten. Wenn ich dann aber daran denke, dass ich meine Marathon-Bestzeit im gleichen Zeitraum um gut zehn Minuten gesteigert habe, müsste auf so einem lockeren Zehner eigentlich mehr drin sein. Fast verfalle ich schon in eine Post-Volkslauf-Depression (PVD), da rieche und sehe ich schon die Rettung: eine echte Bratwurst auf einem Kreisliga-Fußballplatz! Wobei sich der Tus Hohnstorf allerdings zwei Tage zuvor als einsames Schlusslicht aus der Kreisliga endgültig verabschiedet hatte. Die Wurst aber hat die Klasse allemal gehalten.

Abends hau’ ich mir noch einen großen Nudelteller rein und grüble: Wie soll ich nur schneller werden, wenn ich nicht mal ein halbes Kilo verlieren kann? Vor der Antwort finde ich aber im Küchenschrank noch ein neues Nutella-Glas.

Foto: Hans-Jürgen Wege – eine Galerie findet sich im Kurzbericht auf LZsport.de.

Und noch viel mehr Bilder bietet der TuS Hohnstorf selbst auf seiner Seite.

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