Herrje, nochmal um den See

bramfeld

Falls ich noch einmal Lust auf einen Umzug nach Hamburg verspüren sollte, dann werde ich mir bei der Wohnungssuche sicher auch die benachbarten Laufreviere anschauen. Die Alsterrunde ist nicht so mein Ding, zumal ich mir wohl kaum ein Quartier in Rotherbaum oder Winterhude leisten kann. Aber wie wäre es zum Beispiel mit Bramfeld? Die Runde um den Bramfelder See zumindest hat mir jetzt sehr gut gefallen. Aber vielleicht hätte ich es doch bei einer belassen sollen.

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Ein Halbmarathon steht an, der erste seit Bad Bevensen vor gut eineinhalb Jahren. Damals startete ich mit der Illusion, drei Wochen nach einem Marathon noch einen blitzschnellen Halben laufen zu können – Trainingseffekt und so. Ich konnte es damals definitiv nicht, ging ein wie eine Primel. Und auch in Bramfeld werde ich nach einer von vier Runden merken, dass meine Beinchen vom Bremen-Marathon noch ganz schön müde sind. Bestzeit? Pah! Heute ist mal wieder würdevolles Ankommen angesagt.

Selbst in Bramfeld, eine gute Autostunde von meinem Zuhause entfernt, erkenne ich ein paar Leutchen wieder. Ein paar Nimmermüde vom Triathlon-Team Lüneburg, Die rothaarige Frau von “Laufen gegen Leiden”, die mich neulich in Wilhelmsburg gnadenlos stehenließ. Aber ein Mitläufer, den ich zunächst nicht erkenne, fragt mich auf der Laufbahn kurz vorm Start, ob ich denn den “Lauf gegen rechts” neulich gewonnen habe. Ich, der noch nie einen Lauf auch nur ansatzweise gewonnen hat? Zwei Stunden später hat er mich aber als Saffti, der mit dem Blog, wiedererkannt. Einen treuen Leser habe ich also wenigstens in der Millionenstadt.

Wir zockeln zweieinhalb Runden auf dem Sportplatz, weil ein Halber ja nun einmal 21,0975 Kilometer lang ist und nicht nur 20. Dann wartet die 5-km-Runde auf uns. Kurz geht es durch ein sehr gemischt wirkendes Wohngebiet, an einer Grundschule vorbei Richtung See. Direkt vor mir bilden fünf Frauen einen Pulk – die schnellsten fünf Frauen des Rennens. Favoritin für mich ist sofort die Flinke mit dem grauen Oberteil, die nicht nur besonders fit und drahtig wirkt, sondern sich auch aus den taktischen Spielchen der anderen heraushält. Ein Mädel verschärft laufend (haha!) das Tempo, lässt sich wieder zurückfallen und schnauft schon hörbar nach kaum 3000 Metern. Die Frau in grau wird am Ende souverän gewinnen – fast neun Minuten vor dem Mädel, das am Ende Siebte wird.

Aber ich will ja nicht lästern, denn auch ich gehe gern mal etwas zu schnell an und bereue es später bitterlich. Die erste Runde bringe ich noch in optimistischem Tempo hinter mich, doch sehr bald merke ich, dass ich neben einem Handtuch und Wechselwäsche wohl auch ein paar Kilo Blei für meine Beine eingepackt habe. Am Ende wird es in 1:38:20 Stunden wenigstens noch mein fünftschnellster Halber aller Zeiten. Man könnte auch sagen: mein viertlangsamster. Also irgendwie ein mittelmäßiger… Vor zwei Jahren hat eine 1:38:14 in Hamburg mal eine mittlere Staatskrise in Sachen Motivation ausgelöst, jetzt sehe ich das locker. Wenn ich bis zu meinem 99. Geburtstag immer nur drei Sekunden pro Jahr verliere, habe ich noch eine große Zukunft als Altersklassenläufer vor mir.

Die Runde um den See bietet wirklich Unterhaltung fast auf jedem Meter. Nichts ist abgesperrt. Also tummeln sich haufenweise Sonntagsjogger und Walker, Radler und Hunde, junge Familien und Rentner auf der Strecke. Zudem überrunde ich sehr bald die langsamsten Zehner und irgendwann auch ein paar Halbmarathonläufer von der ganz gemütlichen Art. Links liegt der Friedhof Ohlsdorf – auf der anderen Seite findet sich der U- und S-Bahnhof Ohlsdorf, wo beim Hamburg-Marathon am nördlichsten Punkt der Strecke immer die Hölle los ist.

Am See ernten wir wenigstens ein paar aufmunternde Klatscher oder zumindest freundliche Blicke. Es duftet verführerisch aus einem Eisstand, den ich viermal tapfer links liegen- beziehungsweise stehenlasse. Im Zielbereich gibt’s ja etwas zu trinken. Nach Runde eins erwische ich aber den wohl am schlechtesten gefüllten Becher des ganzen Stands, nach Runde zwei greife ich ins Leere. Und nach Runde drei kreuzt, warum auch immer, eine Zuschauerin die Strecke, schlägt unverhofft direkt vor meinen Füßen einen Haken, sodass ich sie fast über den Haufen renne. Aber wenigstens erwische ich einen gut gefüllten Becher.

Runde vier gestaltet sich dann doch etwas zäh, aber zum Schluss steigt meine Motivation noch einmal um eine Billiarde Prozent an, weil ein Bursche vor mir schlapp macht und ich ihn tatsächlich noch passieren kann. Ha! Sekunden später schießt allerdings in Lichtgeschwindigkeit jemand an mir vorbei, der gleich darauf im Ziel als Sieger des Fünfers gefeiert wird. Ich selbst werde dagegen nur mit einem routinierten “Jetzt ist Andreas auch im Ziel” empfangen. Fehlt nur noch ein: “Wurde aber auch mal Zeit!”

Ich verdrücke ein paar Kilo von den frischgebackenen Waffeln, Kekse und Müsliriegel, habe in wenigen Minuten meine verbrauchten Kalorien also wieder intus. Und beschließe: Das hektische Herumrennen auf Zeit hat sich für dieses Jahr endgültig erledigt. Denn der Genuss muss ja nicht erst am Verpflegungsstand nach dem Rennen beginnen.

1 Kommentar

  1. Frank

    Ein schöner Bericht. Danke Dir!
    Es hat mich sehr gefreut, Dich persönlich kennen zu lernen und Dir sowohl am Start (hey, Du hattest eine Sieger-Aura um Dich und siehst ihm ähnlich…) als auch im Ziel zu begegnen.

    Herzliche Grüße vom “treuen Leser” aus Hamburg, der Deinen blog sehr gut findet! Und der leider viel zu selten zum Bloggen kommt.

    Frank
    P. S. Hoffentlich sehen wir uns in Ratzeburg!

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