Urlaub für die Seele

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Je trüber das Wetter in Nordostniedersachsen wird, um so größer fällt meine Vorfreude auf einen wonnig-sonnigen Marathon in Spanien aus. Am kommenden Sonntag drehe ich endlich meine große Runde in Valencia. Auch diese wird 42,195 Kilometer lang sein – ich habe mich wie bei meinen zehn Marathon-Starts zuvor auch wieder mit langen und kürzeren Läufen sowie mit viel zu wenigen Intervall-Einheiten vorbereitet. Und dennoch ist diesmal alles etwas anders.

Perfekte Vorbereitung auf Valencia: Artischockensalat,  Tröpfchen aus Rheinhessen und Reiseführer.

Perfekte Vorbereitung auf Valencia: Chicorée-Salat, Tröpfchen aus Rheinhessen und Reiseführer.

Es war, freundlich formuliert, einiges los bei mir speziell in den vergangenen sechs Wochen. Trennung, Umzug, Neubeginn – die Kurzform soll an dieser Stelle reichen. Ach ja, krank war ich nebenbei auch noch, verpasste deshalb leider meine Generalprobe, den Teuto-Lauf. Wann war ich eigentlich das letzte Mal beim Pilates?

Aber eins habe ich trotz Wohnungssuche und Umzugskisten-Packen, trotz Einkaufstouren und dem ganz normalen Arbeitswahn fast immer geschafft: das Laufen. Es gab Nächte, in denen ich vielleicht zwei, drei Stunden geschlafen habe – und trotzdem spulte ich am nächsten Morgen den Dreißiger herunter, auch wenn sich meine Beine bisweilen schon nach 500 Metern bleischwer angefühlt haben. Das alles habe ich nicht geschafft, weil ich so ein großartiger Held bin, der keine Schmerzen kennt. Sondern weil Laufen einfach gut tut – ich habe es in den vergangenen Wochen mehr denn je gemerkt.

Denn Laufen bedeutet für mich Abschalten. Nicht mehr Grübeln wie im Bett oder auf dem Sofa, nicht mehr an hundert Sorgen und tausend Besorgungen denken wie sonst im Alltag. Laufen ist einfach eine Stunde Urlaub für die Seele. Oder zwei oder drei. Ich habe Unmenschliches geschafft, zum Beispiel 30 Kilometer ganz für mich allein ohne Musik. ;-)

Hurra, die Hälfte von einem Dreißiger ist geschafft.

Hurra, die Hälfte von einem Dreißiger ist geschafft.

Laufen verbindet auch. Mehr vielleicht als die Liebe zu einem Fußball-Verein oder eine gemeinsame Skatrunde. Man ist unterwegs mit Leuten, die die gleiche Macke haben. Die sonntags um acht Uhr oder früher aufstehen, um ab neun Uhr bei Nieselregen oder Sturm durch den Wald zu hetzen. Die es schön finden, in Westergellersen einen Halbmarathon durch Schlamm und Pfützen zu bewältigen (ja, ich habe gekniffen…). Und denen man, wenn es mal richtig nötig ist, bei einer abendlichen Runde durch den Tiergarten auch mal das Herz ausschütten kann.

Es wäre also nichts einfacher gewesen, als das Marathon-Training unter Hinweis auf Umzug und sonstige Nöte abzubrechen. Ich habe es aber durchgezogen – das macht mich ein bisschen stolz, es tat mir aber auch gut. Es blieb eine Konstante in wechselvollen Zeiten. Valencia, das deutete ich schon mal im September, hat sich mich ausgesucht. Da kann ich doch nicht kneifen, auch wenn die eigentliche Initiatorin dieser Reise, die Läuferin auf Kleinstniveau aus Traisa, jetzt kränkelnd zu Hause bleiben muss, während ich mich auf die angeblich aufregendste Stadt Spaniens freuen darf. Das Leben ist manchmal ungerecht.

Vor einer Woche gekauft, zweimal getragen - muss für Valencia reichen.

Vor einer Woche gekauft, zweimal getragen – muss für Valencia reichen.

Aber wie gut bin ich nun in Form für Valencia? Wenn ich das mal wüsste. Die Dreißiger habe ich gut und ohne Schmerzen in den Beinen überstanden. Ansonsten kam ich mir fürchterlich langsam vor, zumal an Tempotraining in den vergangenen Wochen nicht mehr zu denken war. Ich habe viel improvisiert, auch bei der Schuhauswahl. Schuh A war zu abgelaufen, Schuh B ein bisschen zu kurz, Schuh C zu schwer. Nun habe ich doch noch mal Zeit gefunden, um mir neue Treter zu gönnen. Ich werde die Zehen dick mit Pflastern zukleben, damit das gut geht. Und ich freu’ mich auf die 20 Grad vor Ort. Wenigstens keine 28 wie bei meiner Marathon-Premiere auf Mallorca.

Hauptsache, ich komme halbwegs ohne Schmerzen an. Und mit einem dicken Lächeln. Gewonnen habe ich durch das Laufen gerade in den vergangenen Wochen schon so viel.

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