Ein Schlüssel-Erlebnis

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Ab wann wird eine nette Gewohnheit zur Tradition? Geht das schon beim zweiten Mal? Vor einem Jahr hat sich ein Norddeutscher vergewissert, dass der SV Traisa wirklich der schönste Verein der Welt ist und einen wunderhübschen Volkslauf anbietet. Nach dem zweiten Besuch am Rande des Odenwalds steht für das Nordlicht endgültig fest, dass er ab sofort immer am 3. Oktober in Traisa laufen wird, solange er zwei Füße hat, die das irgendwie mitmachen. Dabei hätte es diesmal fast mit dem Start nicht geklappt, denn… Aber lest lieber selbst.

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Morgens um 6.30 Uhr irgendwo zwischen Mainz und Alzey.

Läuferin mit Fußaua (LmF): Ich kann heute keinen Schritt gehen!

Läufer auf Kleinstniveau (LaK): Dann bleiben wir halt liegen. (Dreht sich um und weint sich zurück in den Schlaf)

Eine Stunde später.

LmF (mittlerweile umgezogen, geschniegelt und gestriegelt für Traisa): Ich will’s wenigstens versuchen. Und wenn ich nach 100 Metern aufgeben muss.

LaK (nach einem herzhaften Gähner): Meinetwegen. Dann zieh’ ich mich mal schnell an.

Und so landen die beiden Laufhelden doch gegen 9 Uhr in Traisa. Viel zu früh für den 11-Kilometer-Lauf, aber gerade pünktlich genug, um am Kuchenbüffet die freie Auswahl zu haben. Vor einem Jahr an gleicher Stelle waren sie noch jung und frisch. Diesmal leidet sie unter einer doofen Fußverletzung, während er das Wörtchen “regelmäßiges Training” nach diversen Motivationskrisen, Hitzeperioden und Zahn-OPs nur noch vom Hörensagen kennt.

Immerhin, diesmal trank er am Vorabend nur ein Glas Scheurebe und nicht drei und schafft es sogar, sich zu zwei Aufwärmrunden auf dem Sportplatz in Traisa aufzuraffen. Sie hingegen macht es sich am Rande des Platzes bequem und wirkt überhaupt nicht so, als wenn sie heute auch nur 11 Meter laufen würde. Kurz vor Start ist sie fest davon überzeugt, dass sie das Vereinsgelände sowieso nicht verlassen kann.

Während alle noch plaudern, überrascht uns Wolfgang mit der Ankündigung: “In zehn Sekunden geht es übrigens los.” Frech drängeln sich die Jungs von der TS Ober-Roden (die U15-Fußballer, die in der Hessenliga derzeit Platz drei belegen, wie später beinhart recherchiert wurde) nach vorn. “Die gehen ab wie Schmitz’ Katze und machen eh alle spätestens am Stellweg schlapp”, vermutet der Läufer auf Kleinstniveau.

Stellweg – das ist die Passage nach gut drei Kilometern, die der gewöhnliche Norddeutsche eigentlich nur in einer Seilbahn bewältigen kann. Der Mann aus dem Norden hat die Strecke zuvor aber betont vorsichtig angegangen und nimmt gerade noch genug Schwung mit, um die Eiger-Nordwand des südhessischen Laufsports ehrenhaft zu bewältigen. Danach geht’s zur Belohnung erst einmal ordentlich bergab durch die idyllischen Wälder. Der Nordmann überholt ein paar von den Jungs aus Ober-Roden sowie andere Teilnehmer und fühlt sich einfach großartig.

Doch seine Kondition hält nur bis Kilometer acht. Inzwischen geht’s unspektakulär, aber stetig wieder bergauf. Zudem hat die Läuferin mit Fußaua dem Läufer auf Kleinstniveau den Autoschlüssel überlassen, damit er ihn in seiner Popotasche verstauen kann. Aus der zieht er gedankenverloren ein Papiertaschentuch heraus – und hört in der gleichen Sekunde den Schlüssel auf dem Boden klimpern. Vollbremsung, Kehre, Schlüssel suchen! Ja, da isser. Aber der letzte Restschwung ist dahin. Drei von den Jungs aus Ober-Roden ziehen lässig vorbei. Und werden nie wieder gesehen.

Irgendwann hat der LaK das Ziel doch erreicht (exakt 70 Sekunden später als vor einem Jahr, um ehrlich zu sein). Aber wo ist seine allerliebste LmF? Wehklagend im Publikum, nachdem sie 400 Meter gehumpelt ist und aufgeben musste? Schon längst unter der Dusche versteckt? Nein, ein paar Minuten später erreicht sie strahlend wie ein Honigkuchenpferd den Platz. Lockeren Schritts fliegt sie geradezu ins Ziel, lässt sich auch nicht mehr davon die Laune verderben, dass eine Rivalin, die ihr kilometerlang auf den Fersen war, sie auf den letzten Metern noch passiert.

Läufer auf Kleinstniveau: Du hast ja doch super durchgehalten. Aber was macht dein Fuß?

Läuferin mit Fußaua: Das ging wunderbar, ich habe auf dem Waldboden gar nichts gemerkt. Aber meine Kondition!

LaK: Wem sagst du das?

Einige Stunden später verlassen beide Traisa. Glücklich und schwer bepackt. Was es für 7 Euro Startgeld doch alles gibt!

  • 11 Kilometer durch eine wundervolle Landschaft incl. Getränke auf der Strecke und im Ziel, einer heißen Dusche und freiem Eintritt zum Kuchenbüfett.
  • Tolle Gespräche mit Wolfgang, Werner, Jens, der Frau aus Cuxhaven mit dem Mann aus Moers usw.
  • Ein Sechserträger Radler (Preis für Platz zwei in der W40), eine hübsche Trinkflasche und ein flottes Laufshirt (Tombolapreis des LaK), zwei Tüten Haribo (gemeinsam abgegrast).
  • Die Erkenntnis, dass die Welt zumindest für einen Vormittag in Traisa einfach noch in Ordnung ist.

1 Kommentar

  1. Runsoenke

    Toller Bericht. Klasse Schreibstil! Einer meiner Lieblings(lauf)blogs!
    Liebe Grüße und schnelle Beine aus dem (wirklichen!!!!) Norden!
    Gruß Sönke

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