Ganz locker

hohnstorf

Ich laufe heute ganz locker. Am liebsten hätte ich das jedem einzelnen der gut 500 Mitstreiter beim Deichlauf in Hohnstorf schon vorm Start erklärt. Stattdessen lasse ich Taten sprechen, um das Fehlen jeglichen Ehrgeizes deutlich zu machen. Ich frühstücke ein bisschen zu gut und komme ein wenig später als gewöhnlich vor einem Volkslauf auf dem Sportplatz an. Ich wärme mich ein bisschen zu nachlässig auf. Ach, ich will wirklich einfach nur locker laufen. Vor allem will ich laufen nach einer fürchterlich doofen Woche für meine Zähne. Und es läuft.

Laufen macht eindeutig mehr Spaß als Zahnarztbesuche - meistens jedenfalls. Foto: Kerstin Thomas

Laufen macht eindeutig mehr Spaß als Zahnarztbesuche – meistens jedenfalls. Foto: Kerstin Thomas

“Laufen Sie einfach, wenn nichts weh tut”, hatte mir meine Zahnärztin am Donnerstag erzählt. Nun, am Dienstag taten mir die Beißerchen nach der ersten Wurzelbehandlung schon ein bisschen weh. Am Donnerstag holte sie nochmals ihre Instrumente heraus, drohte mit dem Kieferchirurgen, falls der Schmerz nicht nachlassen sollte. Aber er ließ über Nacht nach. Und ich wagte mich doch nach Hohnstorf. Ganz locker. Habe ich das schon erwähnt?

Vielleicht hätte ich auf den Lauf auch verzichtet, wenn es nicht gerade Hohnstorf gewesen wäre. Hier an der Elbe habe ich 2007 zum allerersten Mal einen Lauftreff besucht. Hier finde ich wirklich die Atmosphäre, die gern als familiär bezeichnet wird – Kuchen, Bratwurst, nette, entspannte Leute. Hier ist es vor allem so flach wie sonst fast nirgendwo im Landkreis. Trotzdem ist es zunächst einmal ein Kampf mit meinem Ego. Ich sehe Leute vor mir, die ich sonst hinter mir lasse. Vielleicht könnte ich ordentlich beschleunigen, vielleicht wäre das aber auch gar keine gute Idee, vielleicht fehlen mir Kraft und Form für ausgedehnte Zwischenspurts.

Ich lasse es also bleiben und gucke mir zum ersten Mal bei meinem immerhin schon sechsten Lauf in Hohnstorf mal in Ruhe das Elbpanorama mit Lauenburg auf der anderen Seite aus. Aus der Ferne wirklich eine wunderschöne Stadt. Aus der Nähe… lassen wir das mal und umschreiben es so: Es gibt selbst in Schleswig-Holstein aufregendere Orte.

Nach der Hälfte der 10,6 Kilometer geht’s weg von der Elbe Richtung Feldmark. Hier steht wie so häufig fast die inzwischen schon viel zu warme Luft, hier regt sich kein Lüftchen und findet sich kein Schatten. Ich wiederhole meine heutige Tageslosung: ganz locker! Nach dem sechsten Kilometer linse ich doch einmal auf die Uhr. Die Pace ist langsamer als sonst bei Zehnern, aber okay. Die beiden Hohnstorfer Basketballer, die in roten Baumwollshirts vor mir hertraben, wollen einfach nicht einbrechen. Egal. Ein wenig Unlust ergreift mich, wie fast immer, nach ungefähr zwei Dritteln der Strecke. Ob ich nun eine Stadionrunde laufe oder einen Marathon: Irgendwo bei ungefähr 66,67 Prozent der Distanz liegt bei mir grundsätzlich der Punkt, an dem ich mich schon recht müde fühle, das Ziel aber noch nicht in Sichtweite ist. Ich nenne diesen Punkt mal Safftis Maximal-Unlust-Punkt (SMUP).

SMUP hin oder her, zumindest macht sich mein Gebiss nicht bemerkbar. Mir wird nicht schwindelig wie beim noch viel lockeren Lauf vor einer Woche im kühlen Wald. Kein Fuß tut mir weh, kein Oberschenkel. Hat die Wurzelbehandlung schon für dieses Wunder der Medizin gesorgt? Oder bilde ich das alles nur ein, weil heute die Sonne so schön scheint, alle Leute so nett sind und ich überhaupt dank der vielen Zahnarzttage zuletzt kaum zum Arbeiten gekommen bin? Wie auch immer, ich bin im Ziel auch nur 1:14 Minuten langsamer als bei meiner Bestzeit hier vor zwei Jahren, als ich danach ein Fall fürs Sauerstoffzelt war.

Ein ganz lockerer Lauf also – und trotzdem ein wichtiger. Ich habe einer ziemlich bescheidene Woche am Sonntag mit einem hübschen Lauf – ohne Stress, Schmerzen oder sonstige Qualen – doch noch einen schönen Abschluss gegeben. Und dass die Zeitnahme zwischenzeitlich versagt hat, Sieger und Platzierte daher erst am Abend feststehen werden, juckte mich so wenig wie kaum einen anderen Läufer in Hohnstorf. Da bleibe ich gern ganz locker.

Fotos und Ergebnisse sind online auf LZsport.de

Noch mehr Fotos fand ich beim TuS Hohnstorf

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