Schwer unterzuckert

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Au weia. Da gebe ich mir sonst so viel Mühe mit meinen Sportreportagen für die Landeszeitung. Doch auf keine noch so messerscharfe Analyse bin ich auch nur annähernd so häufig angesprochen worden wie auf meinen todesmutigen Selbstversuch – eine Woche ohne Süßigkeiten. Ernährung muss ein ganz großes Thema sein. Oder alle waren einfach nur schadenfroh angesichts meines allzu gierigen Blicks auf die Lollis. Lest gern nach, wie es mir ergangen ist. Und ich mach’ mir erst mal wieder einen Joghurt mit Bananen…

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Die Versuchungen lauern hinter jeder Ecke. Wenn ich zurzeit einen Supermarkt betrete, muss ich denken, dass sich die Menschheit nur noch von Lebkuchen und Schokolade ernährt. In der LZ warten permanent Bonbons oder Kekse auf mich, außerdem die lieben Kollegen, die grinsend meinen: „Na, Saffti, wir haben extra etwas für dich aufgehoben.“ Zu Hause sind meine Liebste und Sohnemann Leckereien auch nie abgeneigt. Wie soll ich da nur eine Woche ohne Süßigkeiten aller Art aushalten?

Zunächst einmal lege ich für mich fest, was genau ich sieben Tage lang nicht anrühren will. Süßwaren aller Art, Kekse, Kuchen und auch die Frühstücksmarmelade oder Honig – ja, klar, auch wenn das richtig hart für mich wird. Was aber mache ich mit dem Nachtisch, den ich mir gern mittags nach Salat und Brötchen gönne? Auf meiner Quarkcreme mit Banane findet sich nur eine Zutatenliste ohne exakte Mengenangabe, im Internet aber stelle ich fest: In der Bananencreme ist mehr Zucker versteckt als Banane, nämlich rund acht Stück Würfelzucker pro Becher. Eklig!

Diese Creme werde ich also ebenso verschmähen wie Fruchtjoghurt. Je intensiver ich nachlese, was da außer Frucht und Joghurt noch alles an Chemie drinsteckt, um so mehr verstehe ich, warum die großen Nahrungsmittel-Konzerne die Idee von einer Lebensmittel-Ampel nicht so gut finden.

Die ersten beiden Tage vergehen dank Müslistange vom Bäcker, Bananen, Quark und viel grünem Tee halbwegs problemlos. Als es am Dienstagabend im Spätdienst aber stressig wird, krame ich verbissen die Reiswaffeln raus, die ich mir für Notfälle zur Seite gepackt habe. Und allmählich merke ich, wann die Lakritzbrocken allzu penetrant vor meinem geistigen Auge tanzen. Wenn‘s stressig wird oder wenn ich einfach nicht dazu komme, etwas Vernünftiges in Ruhe zu essen. Suchtersatz für die früher allgegenwärtigen Zigaretten? (Anmerkung: Die gute Frauschmitt klärte mich an jenem Abend via Facebook über bedenkliche Rückstände in grünem Tee und Reiswaffeln auf…) 

An meinem freien Mittwoch fühle ich mich schwer unterzuckert und lege mich einfach für ein halbes Stündchen aufs Sofa. Und ich habe immer noch vier Tage vor mir. Am Donnerstag wächst die Erkenntnis, dass sich Bananenscheiben in Naturjoghurt doch viel besser hineinrühren lassen als in Quark. Ein Kollege hat aber Studentenfutter mitgebracht, ein anderer Weingummi. Und ein dritter wedelt mit einem Hanuta vor meiner Nase he­rum: „Hier, schenk ich dir!“ Keine große Versuchung: Auf Haselnüsse reagiere ich ähnlich allergisch wie auf Siege des FC Bayern. Die Nüsse kann ich allerdings wenigstens konsequent aus meinem Leben verbannen.

Ein Kneipenabend am Freitag wird hart: Die sportlichen Frauen sind klar in der Überzahl an unserem Tisch und spülen das allzu fettig geratene Grünkohl-Gericht höchstens mit Kaffee herunter. Ausgerechnet mein Tischnachbar bestellt sich aber ein dickes Eis mit heißen Himbeeren. Ich verzichte darauf, mich mit Gebrüll auf ihn zu stürzen und ihm den Becher zu entreißen und besorge mir lieber später als Absacker einen Glühwein. „Bäh, ist der süß!“ Meine entsprechenden Geschmacksnerven müssen da schon voll auf Entwöhnung gewesen sein.

Der Sonnabend beginnt mit Zeitungslektüre. „Manche Lebensmittel tun dem einen gut – und machen den anderen krank”, heißt die Überschrift zu einer Studie, die sich gegen allzu extreme Diätvorschriften wie Low Carb oder Low Fat wendet. Genau! Mir tut ganz offensichtlich Lakritz gut. Und ich gönne mir abends, als wir unserem Besuch etwas zum Knabbern auf den Tisch stellen, ohne schlechtes Gewissen eine Handvoll Haribo. Und noch eine und noch eine. Dann ist aber gut.

Nach einer Woche ziehe ich Bilanz: Was hat‘s gebracht? Kein Gramm Gewichtsverlust – wie auch bei zwei Grünkohlessen innerhalb von 24 Stunden? Dafür aber die Erkenntnis, dass Süßes nicht gleich Süßes ist. Zucker als billiges Füllmaterial in vorgeblich gesundem Essen, den werde ich mir auch künftig nicht mehr antun. Aber Kuchen aus dem eigenen Backofen oder einer guten Bäckerei wird immer ein Genuss für mich bleiben. Und ab sofort müssen die lieben Kollegen auch wieder ihren Naschkram vor mir verstecken. Nur nicht die Hanuta!

1 Kommentar

  1. Blumenmond

    Das Fazit gefällt mir. Ich finde nun wirklich, dass man sich nicht alles verkneifen sollte. Und ein Stück Kuchen, das von Hand gebacken ist, ist zwar auch voller Zucker aber eben auch lecker. Hände weg ansonsten von den meisten Fertigprodukten. Da ist halt neben Zucker noch ne andere Menge komisches Zeugs drin, das weit weg von natürlich ist. Ich schrieb ja schon mal, dass ich selbst gar nicht wild auf Zucker bin. Da ich – aber eben aus Gründen, dass ich möglichst wenig Chemie essen will – schon seit ewigen Jahren keinen Joghurt mit Geschmack kaufe und diesen kürzlich bei einem Frühstück präsentiert bekam (Alpro Soja mit Blaubeeren), fand ich den eklig süss. Also lieber nen Naturjoghurt (in meinem Fall auf Sojabasis) und dann einen Klecks selbstgemachte Marmelade rein. Ist auch Zucker aber in der Zusammensetzung bekannt.

    So, was schreib ich hier eigentlich so lange… ;-)

    Gruß
    Anja

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