Philosoph in kurzen Hosen

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Wer einen Marathon läuft oder einen Roman schreibt, steht vor ähnlichen Herausforderungen. Man muss gut vorbereitet ins Rennen gehen und darf sich nicht zu früh verausgaben, sonst geht einem vor der Zielgeraden die Luft aus. Schade, dass es nur so wenige Schriftsteller gibt, die sich diese lange Strecke nicht nur am Computer oder der Schreibmaschine zutrauen, sondern auch in Laufschuhen. Matthias Politycki ist so einer – und er legt mit “42,195 – Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken” ein Buch vor, das 42,195 Kapitel lang seine Pace halten kann.

42-komma1320Die Idee ist nicht neu. Ein Läufer wie du und ich beschreibt in 42,195 Kapiteln seine Gedanken, die ihm während eines Marathons durch den Kopf gehen: über seine Motivation und seinen Lauftreff, über Outfits und Schuhe, über Strecken von Reykjavik bis zum Kilimandscharo, über das Leiden auf den letzten Kilometern. Ein solches Werk kann fürchterlich albern ausfallen oder langweilig, falls ein 3:52-Stunden-Läufer sich und seinen Sport zu ernst nimmt. Politycki widmet sich durchaus bekannten Themen, die jedem Marathoni schon durch den Kopf gegangen sind und die 1000 Mal Thema von Artikeln in Laufzeitschriften wie von Glossen waren. Aber er behandelt seine Passion mit Tiefgang, stellt Selbstverständliches in Frage und kommt irgendwann zu den grundsätzlichen Fragen des Laufens wie des Lebens.

Dabei startet Politycki, wie man es als erfahrener Läufer praktiziert, ruhig ins Buch. Ein paar Laufkameraden (ja, das Wörtchen “Kameraden” gefällt ihm) werden nonchalant in die Handlung integriert; sehr bald weiß der Leser, dass unser Ich-Erzähler eher die reine Lehre des Laufens bevorzugt. Verkleidungen findet er überflüssig, Extra-Laufnummern für Manager in Frankfurt/Main ärgerlich, und von Eventrennen à la Tough Mudder schwärmt er auch nicht gerade. Jeder Kilometer ist einem anderen Aspekt gewidmet: schönen Frauen, blaue Linien, Trainingspläne, Genussläufer. Immer wieder wird Murakamis “Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede” zitiert, auch wenn der Deutsche ein wenig anders tickt als sein japanische Kollege, den man sich nicht recht bei geordnetem Training in einem Lauftreff vorstellen kann.

Je näher das Ziel, umso intensiver spürt man den Marathon, umso philosophischer geht es auch bei Politycki zu. Ihm gefällt die Vorstellung, dass die zweite Hälfte des Marathons eigentlich erst bei Kilometer 30 beginnt, und überträgt diese Rechnung auf seine Lebenszeit. Er sammelt die besten Ausreden fürs Versagen bei Kilometer 33 und zitert seine Laufkameradin Majorna: “Ein Läufer hat keine Ausreden, nur Einsichten.” Mein Lieblingssatz! Und zum Schluss leidet er wie so viele unter der postmarathonalen Depression, egal wie gut oder schlecht das Rennen gelaufen war.

Politycki endet mit der Sinnfrage an sich: Wozu überhaupt laufen, wozu so viel Zeit in einen Marathon investieren? Ohne allzu viel zu verraten: Er findet eine äußerst überzeugende Antwort.

Hier der Link zum Buch bei Amazon: 42,195: Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken

Und hier folgt ein Link zu einem hübschen Spiegel-online-Interview mit Achim Achilles: Sex macht jedenfalls nicht schneller

1 Kommentar

  1. Das Pulsmesser

    Das Achilles-Interview hatte mich eher abgeschreckt, aber dann bekam ich das Buch geschenkt und war ebenfalls überzeugt. Es ist eben was anderes, wenn ein Profi schreibt. Dann kommt so ein gut recherchiertes Werk mit vielen Zitaten und Quellenangaben heraus.
    Am meisten Gefallen dürfte der “2mal im Jahr Straßenmarathoni” an dem Buch haben. Das scheint die Welt des Autors zu sein. Seine beiden Landschaftsausflüge (Rennsteig und Kilimandscharo) schienen für ihn Negativ-Erlebnisse gewesen zu sein.
    Trotzdem für alle Läufer sehr lesenwert wegen der recherchierten Rand-Informationen und der klugen Gedanken, auch wenn man nicht jedem davon zustimmt.

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